„Mama, kann ich Kekse?“ Das Verben-Sterben und andere Geschichten.

Kann ich Aufmerksamkeit?

Danke.

Bin im Allgemeinen für die sprachliche Kreativität. Fürs Ausprobieren. Für die große, geliebte künstlerische Freiheit.

Aber nach einem unfreiwilligen Zusammentreffen mit einer Gruppe von Volksschülern (dem kleinen Bruder sei Dank) bin ich von einer Sache überzeugt: In der alltäglichen Sprache kommen die wunderbarsten Ausdrücke ab und wir vergessen sie – vielleicht aus Gruppenzwang, vielleicht als Faulheit.

Es folgen

5 bedrohte Gattungen im deutschen Sprach-Reich

und Gründe, wieso wir sie schützen sollten.

1. Die Verben

Sie waren der Kernpunkt meiner Feldstudie unter den Klassenkameraden meines Bruders (8). „MAMA KANN ICH KEKSE?“ „PAPA KANN ICH SAFT?“ Zuallererst ist es wohl offensichtlich, dass solche Aussagen durchaus verwirrend sein können. Möchtest Du Saft trinken? Möchtest du ihn deiner Schwester in den Nacken leeren? Man kann ja nie wissen. Außerdem ist es doch eine reine Frage der Höflichkeit, jemandem, den man um etwas bittet, im Austausch zumindest einen ganzen Satz zu schenken. Also, sagen wir Auf Wiedersehen zu den Kindergartentrends der 2000er und retten wir die Verben!

2. Der Genitiv

„Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“, heißt es schon seit Jahren und wahrhaftig, der Zweite unserer 4 Fälle hat schon leichtere Zeiten erlebt. Oft verwechselt mit seinem englischen Bruder (es heißt Lisas Labrador, nicht Lisa’s Labrador), wird der Genitiv (oder: „Genetiv“) besonders unter Österreichern sehr gerne mit stolpernden, holpernden, hinkenden Wendungen ersetzt, wie zum Beispiel:

Zur Zeit vom Kaiser Franz Joseph (statt: Zur Zeit Kaiser Franz Josephs).

Der Lisa ihr Labrador (statt: Lisas Labrador).

Die Tasche von meinem Vater (statt: Die Katze meines Vaters).

Während man im Alltag nicht zu hochgestochen sprechen möchte, ermöglicht die deutsche Sprache doch eine gewisse Grund-Eleganz, die es – besonders als Sprach-affiner Mensch – zu verteidigen gilt. Außerdem spart der Genitiv Zeit die man verwenden kann, um zum Beispiel ein paar Verben einzubauen (siehe oben).

3. Der Konjunktiv

Ähnlich wie der Genitiv fördert der Konjunktiv (die „Möglichkeitsform“) eine sehr simle, sprachliche Eleganz. Oft mit „würde/hätte + Grundform“ (ich würde spielen, du hättest gesagt) mit der eigentlichen Konjunktivform zu ersetzen kann darum nie schaden. Also los geht’s: Ich spielte, du sagtest, …

Ein paar „würde“s weniger zu verwenden, lässt Geschriebenes wie Gesprochenes  schnell viel würde-voller wirken.

4. Positive Adjektive

Bemerkenswert ist es ja schon: Umgangssprachen und Mode-Wörter bieten selten all-umfassende Begriffe für „schlecht“. Natürlich, es gibt fade, langweilig, billig, ekelhaft, schrecklich, furchtbar, abstoßend, katastrophal, ranzig, grindig – aber keines dieser Adjektive wird so oft benutzt wie cool, toll, wow, super, nice oder geil. Und jedes von ihnen hat mehr Bedeutung als die letzten sechs. Was bedeuten die denn überhaupt? Was meint man, wenn man einen Film als „cool“ bezeichnet? Und wieso denn nicht die unzähligen Möglichkeiten nutzen, die uns die deutsche Sprache bietet, um etwas zu loben, so wie: spannend, aufregend, mitreißend, herrlich, wunderbar, schön, anmutig, anregend, atemberaubend, beflügelnd, befreieend, bezaubernd, bewundernswert, besonders, brilliant, charismatisch, einzigartig, erstklassig, hervorragend, geschmackvoll, herrlich, ….

Den eigenen, positiven Wortschatz auszubauen führt nicht nur dazu, dass man Erlebtes anderen besser beschreiben kann – sondern auch zu einer besseren Stimmung. Denn je länger und detaillierter wir von etwas Schönem erzählen, desto länger und detaillierter erinnern wir uns daran, wie schön es wirklich war.

5. Synonyme

Eine sehr große Sektion, ich weiß. aber auch ich bemerke bei Schreiben dieses Beitrags, um wie viel interessanter er klingen könnte, würde ich mich regelmäßig dazu zwingen, an einem abwechslungsreicheren Wortschatz zu arbeiten. Nicht nur was man erzählt, ist wichtig, sondern auch wie.

Also ersetze doch mal Wörter wie

gehen

mit: laufen, aufbrechen, begeben (sich), besuchen, wandern, davongehen, spazieren gehen, beschreiten, betreten, bummeln, flanieren, latschen, lustwandeln, marschieren, abgehen, kündigen, zurücktreten, abdanken, sterben, abfahren, aufgeben, aufhören, abmarschieren, abwandern, aussteigen, austreten, seinen Rücktritt erklären, watscheln, ….

haben

mit: gehören, innehaben, verfügen über, unterhalten, versehen sein mit, aufweisen, auf Lager haben, disponieren über, in seinem Besitz haben, bekommen, eignen, einnehmen, halten, hegen, besitzen, bergen, demonstrieren, …

essen

mit: aufessen, speisen, vertilgen, genießen, aufzehren, ausessen, auslöffeln, dinieren, frühstücken, hineinstopfen, hinunterschlucken, kauen, knabbern, leeren, …

 

Problem

mit: Behinderung, Handikap, Hemmschuh, Schwierigkeit, Belastung, Barriere, Erschwerung, Fessel, Erschwernis, Komplikation, Kraftaufwand, Ballast, Beschränkung, Engpaß

 

Mensch

mit: Erdenbürger, Individuum, Person, Persönlichkeit, Sterblicher, Wesen, Charakter, Erdengast, Erdensohn, Figur, Geschöpf, Gestalt, Jemand, Kerl

 

Gibt es weitere Spezies‘, die unseren Schutz verdienen?

Ich freue mich auf Eure Kommentare!

– Susi

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