Theaterkater Salzburg ’17: Jedermann. 

Er ist ja eigentlich das Stück der Stücke und ein Muss, für jeden Festspielgast. Der Jedermann von Hugo von Hofmannsthal, uraufgeführt 1911 in Berlin, wurde heuer von Michael Sturminger neuinszeniert.

Jedermann (Tobias Moretti) führt ein verschwenderisches Leben und zeigt wenig Respekt für Arme, die Kirche oder seine Mutter. Ermutigt und bestärkt in seinem Lebensstil wird Jedermann von seiner Buhlschaft (=Freundin; gespielt von Stefanie Reinsperger). Doch Gott zeigt sich unerfreut und lässt Jedermann über den Tod mitteilen, dass er sterben muss. Daraufhin zeigt sich Jedermann wiederum unerfreut und bittet um eine letzte Stunde auf der Erde, um sich jemanden suchen zu können, der ihn auf seinem letzten Weg begleitet. Doch Freunde wie Geliebte wie Verwandte und auch das personifizierte Geld „Mammon“ lassen Jedermann im Stich – niemand liebt ihn derart bedingungslos, dass er für ihn sterben würde. Einzig Jedermanns „Gute Werke“ und sein Glaube können vor Gott für ihn sprechen. Obwohl beide durch seinen Lebenswandel stark vernachlässigt wurden und alt und krank sind, bringen sie Jedermann zur Reue und es ist davon auszugehen, dass Jedermann stirbt und Gott ihm verzeiht. Auch Jedermanns Mutter stirbt in der letzten Szenen – voll Hoffnung auf ein schönes Leben nach dem Tod für sich und ihren Sohn.

Als ich das Stück sehe (dank Schönwetter am Salzburger Domplatz) sitzen um mich hunderte von Menschen in Skepsis. Man munkelt nämlich, Sturminger habe einiges verändert und ganz ehrlich, wenn das Stück an sich gut ist, ist Veränderung meistens schlecht. Aber Herr Sturminger, sollten Sie das jemals lesen, können Sie absofort aufatmen. ich bin nur hier um mich für einen der besten Theaterabende meines bisherigen Lebens zu bedanken.

Das sonst circa zweistündige Stück ist auf 90-Minuten gekürzt; die Inszenierung verzichtet so auf lange Monologfragmente und zwingt den Zuschauer zum Denken. Auch sind einige Szenen verschoben, sowie der Auftritt von Gott, der vom Anfang es Stücks in dessen Mitte wandert  und sich außerdem sehr modern zeigt: Nämlich gar nicht – nur als Stimme  om Tonband. Weiters sind die berühmten „Jedermann!“-Rufe schon zu Beginn zu hören, während der Tod in langem schwarzen Mantel über und auf die Bühne schreitet. Außerdem bedient sich die Inszenierung an Teilen von Schuberts „Das Mädchen und der Tod“ und schafft so einen berührenden sowie passenden musikalischen Rahmen. Stark modernisiert sind auch Nebencharaktere wie der Schuldknecht, der heuer zum ersten Mal statt eines Bauern in Ketten ein Mann im Anzug ist, der von zwei Polizisten auf die Bühne geführt wird. Die Annäherung an die heutige Zeit wird auch durch Jedermanns abendliches Fest deutlich: Seine Gäste feiern nicht laut und ausgelassen, sondern edel und kühl. Das zeigt eine der tatsächlichen und vor allem neuen „Sünden“ unserer Gesellschaft: Die Distanziertheit und Gefühlskälte.

Bleibt noch der Preis für die schönste Aussprache zu vergeben – an Edith Clever, die eine elegante und liebenswürdige Mutter spielt – und ein besonderes Lob an Stefanie Reinsperger, durch die die Buhlschaft erstmals vom reinen „Party-Girl“ zu einer vielschichtigen und sympathischen jungen Frau wird, die das restliche Ensemble weit hinter den Salzburger Dom spielt.

Ich sage Danke!

-Susi

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