Frauen sind wie Schuhe, nur bunt.

Feministische Avantgarde  und alltäglicher Feminismus.

Bemerkenswert ist es ja schon, dass meine, in den 40ern und 50ern aufgewachsene, Großmutter sich in ihrem Leben nie als Opfer von Sexismus gesehen hat. Dementsprechend befremdlich scheint sie anfänglich die Werke ihrer Jahrgangs-Genossinnen in der Ausstellung im MUMOK Wien zu finden, die ich sie im Zuge des Familienausflugs zu betrachten überredet habe. „Feministische Avantgarde in den 1970ern“ – unter diesem Titel wird ausgestellt, was zwischen Amerika und Österreich zu dieser Zeit an weiblich-stolzer Kunst geschaffen wurde. Ein besonderes Identifikation-, sowie Hass-Objekt scheint hier der Schuh gewesen zu sein. Schwarz, rot, groß, klein – fast die Hälfte aller Kunstwerke kritisieren eine enge Beziehung von Frau und Schuh.

Ein Thema, das mich als Tochter des 21. Jahrhunderts unberührt lässt. Auch meine Großmutter neben mir hatte das Glück, die Feministinnen der 70er distanziert betrachten zu können – ihre Weiblichkeit ist ihr als Akademikerin nie im Weg gestanden.

„Frauen sind mehr als nur Schuhe“, steht auf einem Plakat. Darunter das Bild eines Models – kurzes Kleid, lange Beine, hohe Schuhe. Die Frau kommt mir bekannt vor. Ich habe sie schon hundertmal gesehen. In Strumpfhosen- oder Duschgel- oder Bier-Werbungen. Noch nie auf der Straße. Nicht, weil es keine schönen Menschen in schöner Kleidung gibt, sondern weil ich keine einzige Person kenne, die so stumpfsinnig ins Leere lächelt, wie das Mädchen auf dem Plakat.

Manchmal kommt es mir so vor, als seien Frauen doch ein bisschen wie Schuhe, nur in bunt. Sie gehen mit der Mode und sie lassen sich recht gut verkaufen und die große, breite Masse bleibt den Trends unterworfen, die sie sich selbst ausdenken.

Auch wenn – ganz eindeutig – mehr Freiheiten haben, als die durchschnittliche Bewohnerin der 1970er, passt sich schon die durchschnittliche Zehnjährige einem Bild an, das die Welt momentan von Mädchen haben will. 2017 sind das Beine in engen Jeans-Hosen, kurze, schlichte Oberteile und lange, glatte Haare mit Ombré-Färbung.

Das Klischee-Bild eines Mannes ist da viel offener: Es gibt Sportler, Künstler, dünne, mollige, alle mit Daseins-Berechtigung.

Obwohl wir uns Feminismus schon als „Zeug von Gestern“ im Museum anschauen, machen wir uns immer noch und immer wieder zu dem, wogegen unsere Vorgängerinnen-Generation gekämpft hat. Zu den Foto-Models, die stumpsinnig ins Leere lächeln und ihre Identität bei H&M für dreißig Euro verkaufen.

Die Gegenbewegung muss nicht die Androgynität sein – die ideale Gegenbewegung wären – einer Ansicht nach – große, kleine, männliche, weibliche Figuren, die ihre Individualität ausleben, anstatt in das Klischee einer Mentalität zu passen, die man sich in ein paar Jahren im Museum anschauen können wird.

Frauen sind – in Wirklichkeit – nämlich bei Weitem mehr als nur Schuhe, oder Kleider, oder ihre Beziehungen. Frauen sind Sportlerinnen udn Künstlerinnen und Mütter und Büro-Angestellte und Ärztinnen und Köchinnen und alles andere, aber in eine Kategorie, in eine Box passen sie nie.

Auch wenn manche Menschen ihn nie erleben, erlebt haben oder erleben werden: Tot ist der Sexismus nicht. Du würdest auch Terrorismus nicht für „ein Gespenst der Vergangenheit“ erklären, nur weil Du noch nie einen Anschlag erleben musstest. Tot ist der Sexismus nicht, aber er kann langsam verschwinden, Stück für Stück, Kopf für Kopf, Mensch für Mensch.

Die Art von Feminismus, die im Museum nicht zu sehen ist und dort wohl auch nie ausgestellt werden wird, ist die, die im Kopf passiert. Die eigene Akzeptanz und Individualität – die man niemandem aufdrängen kann, außer sich selbst.

Ein Dankeschön an das MUMOK Wien für die Erinnerung!

Susanne Sophie Schmalwieser

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