Vom Bühnen-Bilden und Szenen-Wechseln. Oder: Wie Schreiben und Reisen zusammenhängen.

Zugegeben, es ist frustrierend Texte mehrmals zu schreiben. Aber manchmal muss es wohl sein. Die ursprüngliche Version dieses Textes war sehr rational. Da ging es um Praktisches; um Vorteile und Schwierigkeiten. Aber in der Gefühlstrunkenheit einer normalen Frühsommernacht bleibt mir wenig, bis auf meine absolute und ungehemmte Ehrlichkeit. Diese Ehrlichkeit kenne ich nicht gut. Ich schreibe mich gerne aus Orten heraus und in Gedanken hinein. Da Schreiben ist quasi mein Fluchtweg in die Fantasiewelt, die ich vor ein paar Jahren noch durch das bloße Schließen meiner Augen erreichen konnte. Ein halbes Jahr in England macht mich nicht ehrlicher. Tief durchdachte Lügen helfen in der Fremde, sei es nur, um ein paar Freunde zu finden, oder den Lieben zuhause versichern, dass auch wirklich alles gut ist.

Das Weg-Von-Zuhause sein war für mein Schreiben sehr schwierig. Natürlich gibt es da einerseits die neuen Erfahrungen und die Menschen und die Orte über die man vorher nie schreiben hätte können, weil man sie schlichtweg nicht gekannt hat. Und es gibt die vielen verregnten Nachmittage, an denen ich zum ersten Mal seit Jahren einfach Freizeit hatte und eben einfach stundenlang schreiben konnte.

Vielleicht ist es nicht richig von mir, Reisenden generell einen Fluchtdrang vorzuwerfen. Aber ich sitze hier um halb eins Uhr morgens und wünsche mir nichts mehr als eine Laptop-Tastatur mit Leuchtfunktion und weiß, dass ich auf der Flucht war und bin. Das ist man schnell, mit sechzehn. Ich wäre um ehrlich zu sein ja sogar verwundert, jemanden in meinem Alter kennenzulernen, der oder die nicht davonläuft. Egal, wovon genau. Einfach weg.

Das Schreiben, andererseits, ist etwas sehr routiniertes. Man kann Stil wechseln und Sprache ändern und immer wieder andere Geschichten erzählen, aber der Schreibprozess bleibt der Gleiche. Und wie alles Bekannte passt er nicht sofort in die Welt einer Flüchtigen. Es beginnt bei der Zeitplanung und endet in dem Moment, in dem sich alles Neu-Erlebte in meinem Kopf überschlägt und ich nicht weiß, womit ich anfangen soll.

Reisen kann oft bedeuten, sich bewusst selbst zu verlieren. Die eigene Kultur für ein paar Tage, Wochen oder Monate aufzugeben und neu Fuß zu fassen. Dafür muss das alte Standbein weg.

Schreiben wiederum bedeutet, sich sich selbst zu stellen. Man kann nichts anderes aufschreiben. als das, was einem selbst in den Kopf kommt. Neue Kultur und neues Standbein hin oder her. Das Hirn ist das alte.

Ich habe geschrieben. Ich habe viel geschrieben, seit ich in der Fremde bin. Ein Grund dafür kann sein, dass ich mehr Zeit hatte. Ein anderer kann sein, dass ich weniger Flüchtende bin, als ich zu sein geglaubt habe. Vielmehr war ich auf der Suche. Auf der Suche nach Geborgenheit, nach Sicherheit, nach meinem Standbein. Und wenn du dich selbst entwurzelst, wenn dir wirklich nichst mehr bekannt ist, bis auf deinen eigenen Kopf, dann hörst du ihm wieder gerne zu und schreibst noch lieber auf, was dir dort so hineinkommt. Dann setzt du gerne die Finger auf die Tastatur, auch wenn sie keine Leuchtfunktion hat und lässt dich in deine Fantasiewelt entführen, die in Wahrheit nur ein Spiegel von dem ist, was du die ganze Zeit über gesucht hast: Zuhause.

Aber die Erfahrungen sind auch nicht zu unterschätzen. Die werden nämlich Erinnerungen und als solche dann auch Teil von dieser Welt, aus der das Schreiben kommt.

Auf das Schreiben und auf das Schreiben um Mitternacht ,

Susi.

 

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Susanne Sophie Schmalwieser

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2 Gedanken zu “Vom Bühnen-Bilden und Szenen-Wechseln. Oder: Wie Schreiben und Reisen zusammenhängen.

    1. Erstmal, danke für den Kommentar.
      Ich persönlich denke aber nicht, dass sich Flucht und Entdeckung gegenseitig ausschließen, beziehungsweise eines von beiden über dem anderen stehen sollte. Natürlich ist das für jede Person anders – manche wollen und brauchen absolute Sicherheit, andere genießen ein gewisses Risiko. Ich bin ein großer Fan von Unsicherheit weil damit für mich die größten Entdeckungen verbunden sind. Schieb es auf mein Alter, es stört mich nicht, mir ist klar dass sich das ändern kann und wahrscheinlich auch ändern wird. Aber momentan sehe ich das „Ziel“ als etwas, dass zwar wichtig ist, aber mehr als Richtungs-Geber zählt, und nicht gezwungenermaßen erreicht werden muss. Im Endeffekt heißt Leben für mich „Schritte machen“. Einen nach dem anderen. Man setzt sich nicht in einen Zug und fährt ans Ziel. Man steigt bewusst nach vorne, manchmal auch nach hinten, nach links und nach rechts. Entdecken heißt für mich, diese Schritte bewusst zu machen, mit offenen Augen. Flüchten würde ich als etwas sehr emotionales und plötzliches bezeichnen. Das kann man genauso mit offenen Augen und muss man such gar nicht immer tun. Aber wie gesagt, momentan lasse ich mich gerne verlocken und einschüchtern und verjagen und wieder aufnehmen. Ich genieße meine junge Risikofreudikeit und das wahre Risiko bekommst du nur, wenn du dich vom sicheren Standpunkt wegbewegst, praktisch also „flüchtest“ von dem was sicher und vertraut ist. Das ist nicht jedermanns Sache aber mir gefällt es recht gut. Ein hoch gestecktes Ziel fordert mich dabei selbst heraus und bringt mich zu neuen Erfahrungen, neuen Menschen. Ich will nicht alle meine Ziele erreichen. Auch nicht irgendwann. Für mich heißt „Leben“ sich verändern zu können und zu wollen und immer nach etwas zu streben. Wer alle seine Ziele erreicht hat, kann nicht wer wachsen und viele der wunderbarsten Menschen sind die mit den größten Ansprüchen an sich selbst. Meine persönliche größte Angst wäre ein ruhiges, unbeschwerliches Leben. Bin dazu immer diskussionsbereit, mich interessiert wie andere Leute darüber denken. :)) -SS

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