„Heast voll leiwand!“ – Jugend über Jugendsprache.

Irgendwie ist es ja so, dass sich ein jeder Mensch seine eigene Sprache zusammenbastelt.

Weil einem der Dschungel der Grammatik und das weite Meer des deutschen Wortschatz‘ ja auch Einiges an Freiraum bietet. Und weil Sprache zur Idendität gehört. Man stelle sich nur vor, jemand würde den eigenen Gebrauch eines Wortes kritisieren. Mit einem „das klingt ja komisch“ oder einem „das kann man doch so nicht sagen“, zum Beispiel. Da begeben wir uns doch in die Defensive: „So rede ich immer.“

Dieser letzte Satz zeigt allerdings noch etwas ganz Anderes: Sprache ist Tradition. Sprache ist Teil unseres Geschichts-Verständnis‘. Worte gehören zu den ersten und wertvollsten Dingen, die wir von unserer Familie lernen und Sprichwörter sind das, was uns von Ahnen und Verwandten bleibt. Letztere enstehen ja bekanntlich auch oft ganz zufällig, im Alltag, in der hauseigenen und individuellen Routine.

Ein Beispiel dafür: Die Tochter eines mir bekannten Paares hat mit fünf oder sechs JAhren ihr erstes Paar Flipflops begonnen. Schön waren die, glänzend grün, ideal für den geplanten Strandurlaub. Ungeeignet aber für die Wanderung auf den Dorf-eigenen Berg. Doch weil die Schuhe so neu und so schön und so glänzend, bestand das Mädchen, trotz heftigem Zuredens ihrer Eltern, die Flipflops für diesen Ausflug anzuziehen. Mit den zu erwartenden Folgen. Seither spricht dieses Paar gerne von „Flipflop-Momenten“ – solche also, in denen man die Folgen aus Situationen trägt, die man ganz einfach vermeiden hätte können. Laut Duden ist das kein Wort – für diese Familie und ihren Bekanntenkreis aber wird es immer eines bleiben. Und niemand kann sagen, wie weit es sich verbreiten wird.

Sprache ist Tradition. Sprache ist Kronzeugin unserer Geschichte, trägt Narben von unseren Erfahrungen.

Doch hin und wieder gibt es Leute, die das scheinbar nicht wahrhaben wollen.

Die Jugend nämlich. Die macht es den Erwachsenen eh schon schwer, sie zu durchschauen. Und dann setzen sie eines drauf und redden auch noch unverständlich. Beschmutzen, besudeln, vergewaltigen die Sprache. Reduzieren sie auf ein Anglizismen-verseuchtes Minimum.

Immerwieder wird mir, von Verwandten, Lehrern und sonstigen Bekannten unterstellt, das nicht zu tun. Weil, die Susanne, die „hat ja ein Herz für die Sprache“.

Aber die Wahrheit ist: Ich gehöre definitive zu den Freunden und Verfechtern, von „Heast Oida, Leiwand.“ (österreichisch für „Hey (eigentlich: Hörst du) Alter, wie toll.“)

Betretenes Schweigen.

Aber ich will mich erklären.

Zu Beginn dieses Textes habe ich von Idendität gesprochen. Von Tradition und von Geschichte.

Diese Idendität braucht jede Generation – und die „neue“ oder „junge“ muss sie sich eben erst aufbauen. Denn auch wenn es im Schulunterricht nicht immer so wirkt – die Geschichte lebt. Sie ist lebendig und sie geht weiter. Sie wiederholt sich nicht im Eins-zu-Eins-Verhältnis und deswegen kann auch keine Generation im Eins-zu-Eins-Verhältnis zu einer vorherigen Generation nachwachsen. Wir leben in einer Gesellschaft des Fortschritts und der Verbesserung . In einer Welt des Dazu-Lernens und Besser-Werden-Wollens. Da ist das Sich-Verändern eine unvermeidliche Nebenwirkung. Egal, ob es uns passt, oder nicht, ob wir uns davor fürchten oder darüber freuen. Unterdrücken wir diese Veränderung, geht nicht alles einfach weiter, wie bisher. Es bleibt stehen. Es bleibt stehen und es kocht und es brodelt bis der Topf irgendwann übergeht.

Und wenn das jugendliche Kraft ist, die da herauszischt, endet das selten schön. Sie befleckt und beschmutzt die Küche an den falschen Stellen, wird irgendwann weggewischt und geht so verloren.

Deshalb entwicklet eine neue Generation eine neue, frische Idendität. Und genau genommen ist die Sprache dabei eines der wenigen Werkzeuge, die uns niemand wegnehmen kann. Weil, Politik liegt in den Händen der Schönen und Reichen. Wirtschaft in denen der Reichen und Schlauen. Selbst die Mode ist irgendwo einer gewissen Klassik unterworfen und im täglichen Leben sind wir, ob wir nun wollen oder nicht, Teil eines Systems aus Erziehern und Zu-Erziehnden, gegen das wir rebellieren, dem wir aber nie „entkommen“ können.

Anders ist das also mit der Sprache. Die Sprache wehrt sich nicht und sie übt keine Rache. Manch einer versucht, ihr Zaumzeug und Zügel anzulegen, aber auch jedes Regelwerk folgt irgendwann dann doch wieder eine Reform. Sprache ist Reform schlechthin. Und dasselbe gilt für jede wohl-geratene junge Generation. Deswegen gibt es ja auch die vielen alt-eingesessenen udn er-wachsenen Positionen. Nicht um zu verschwinden und die Welt einem ewigen Umbruch zu widmen. Genauso wenig aber, um zu mahnen und zu predigen, sondern um zu regeln, zu kontrollieren, an Geschichte und an Tradition zu erinnern und dabei Neues zu erlauben.

Doch auch das kann sich in eine falsche Richtung bewegen. Denn genauso, wie die neue Generation sich nicht an die alte anpassen sollte, darf das umgekehrt der Fall sein.

Es gibt da diese Wörterbücher. Die Lexika der Jugendsprache, die Landkarten durch den Wörterwald der neuen Welt.

Vorab: Die Hälfte der Jugendwörter, die in so einem Führer stehen, haben Jugendliche noch nie gehört, geschweige verwendet.

Und wenn das dann „Erwachsene“ tun – egal wie gebräuchlich die Phrase sein mag – stößt das nicht unbedingt auf Wohl-Wollen. Weil die andere Generation eben auch andere Wörter verwendet.

Ich spreche nicht von „cool“ oder „mega“ oder deren moderat-modernen Freunden. Die haben schon anderen Generationen gehört. Und die wurden dann als Tradition weitergegeben und auch wenn manch einer jetzt immer noch seine germanistische Stirne darüber runzeln, sind sie Teil eines derzeitigen deutschen Wortschatzes.

Ich werde auch an dieser Stelle nicht versuchen, ein „korrektes“ oder „aktuelles“ Wörterbuch zu erstellen, sondern einfach nur um Respekt ersuchen. Vor neuen Wortschöpfungen, den Neologismen. Und ich bitte darum sie zu hegen und zu pflegen wie griechische Fremdwörter und akademische Phrasen. Auch wenn das manchmal bedeutet, einen gewissen Sicherheitsabstand zu nehmen. Sie sind die Kinder unserer Sprache, die Phönixkücken in der Asche einer Sprache, die immer und immer weiter im Wachstum begriffen ist. Natürlich verbrennt sie manchmal daran, aber sie steht auch wieder auf.

Vielleicht würde sich die Weimarer Klassik über unseren heutigen Sprachgebrauch entsetzen. Aber wir selbst sprechen ja auch nicht Goethe und Schiller, so sehr wir sie auch genießen. Wir sprechen Deutsch. Ein Deutsch des 21. Jahrhunderts. Ein Deutsch, schon einiges er- und überlebt hat und uns von vergangenen Generationen erzählt. Und wenn wir auf die Veränderung – die kommen wird, egal was wir tun – langsam zugehen, anstatt uns vor ihr zu verstecken oder Hals-über-Kopf in sie hineinzuspringen, ohne zu wissen, wie tief das Becken der Zukunft ist,  dann wird unsere geliebte deutsche Sprache in hundert Jahren ja vielleicht von uns erzählen. Und das wäre ja genau genommen schon ziemlich fly.

-susanneschmalwieser-

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