Zwischen türkischem Honig und französischer Musik

Der Naschmarkt- eine Wiener Sehenswürdigkeit und gleichzeitig Ort gefühlt tausender Sprachen, exotischer Geruchintensität und fremder Musik. Mit seinen 2,3 Hektar ist er der größte innerstädtische Markt und lockt durchschnittlich 62.300 Besucher pro Woche an.

Man riecht den Naschmarkt zuerst, bevor man ihn sieht. Gleich zu Beginn, wenn man ihn vom Karlsplatz ansteuert, weht einem ein intensiver Fischgeruch entgegen und dieser findet seinen Ursprung nicht in der Nordsee, wie man anfangs fälschlicherweise vermutet, sondern in den Fischständen dahinter.

Dort stapeln und stauen sich die Meeresfrüchte, es werden gefüllte Calamari angeboten, die pro 100g 4,30 Euro ausmachen, daneben liegen mit  rosa glänzend Saugnäpfen Oktopusbeine.

Ein alleine in der frischen Morgensonne stehender Stand ist voll mit großen Austern und Eiswürfeln gefüllt, die Krabben, deren Fühler von der Vitrine herausragen sowie die kalten Fische, die die Vorbeigehenden mit toten Augen anschauen, finden jedoch weit mehr Interessenten, welche das ganze Bild auch mit dem Handy festhalten.

„Hast du da grad meinen Stammkunden abgezockt? …Ich geb‘ dir minus 20 Prozent!“ Ein junger Verkäufer vielleicht Mitte 20, schreit halb lachend, halb ernst über die Köpfe der Marktbesucher dem Standbesitzer gegenüber  zu. Doch nicht einmal zehn Sekunden später ist der Stammkunde vergessen, denn um den exotischen Süßigkeiten-Stand drängen sich die meisten Menschen, sei es aus Interesse oder weil sie lieber den dichteren Weg gehen wollen.  Er brauch sich also keine Sorgen zu machen, denn mit seiner offenen Art bringt er fast jeden Vorbeigehenden zum Kosten seiner getrockneten Früchte und lässt manche zum Kauf überreden.

Ein normaler Samstagmorgen im Wiener Naschmarkt, der auch der beliebteste ist. Über „Frische Nüsse bei mir!“ aus dem italienischem Viertel über das Hinhalten von Fleischbällen in speziellen Saucen –„Kosten Sie Mal!“- versuchen die Standbesitzer nicht immer leise ihre Kunden anzulocken, dabei machen sie es mit viel Temperament.

Ihnen dürfte es nicht an Selbstvertrauen fehlen.

Türkischer Honig (weiße Würfel mit zerhackten Nüssen) scheint auffallend beliebt zu sein, denn man sieht ihn in fast jeder zweiten Auslage. Meine Versuche, ein Gespräch mit einer türkischen Verkäuferin über den speziellen Honig zu führen, sind jedoch kläglich zum Scheitern verurteilt, und das nicht nur aufgrund des Geräuschpegels, der hier im Maria Welser Platz besonders hoch ist. Platz zum Gehen hat man reichlich, wenn man jedoch keine Anrufe von Verkäufern hören will („Warum kosten Sie nicht? Kommen Sie zum Naschmarkt, um zu spazieren?“) sollte man lieber sein Schritttempo erhöhen.

Wenn einem der Lärm zu viel wird, hat man immer noch die Möglichkeit, in Seitengassen auszuweichen, die mit zahlreichen Graffitis verziert ist. Hier geht es um einiges ruhiger zu als im Zentrum des Naschmarktes, der Muff von Bier und Zigaretten lässt sich jedoch deutlich(er) vernehmen, hier halten sich auch Touristen auf.

Anstatt die Vielfalt der grellgrünen Kochbananen zu bewundern oder die nach regenbogenfarben geordneten Gemüsesorten zu fotografieren, posieren sie hier vor der Straßenkunst Wiens- eine etwas andere Sightseeing-tour.

Nichts, was man in der Gasse der Problemstoffsammlung erwartet hätte.

Dabei ist die Auswahl gewaltig. Neben exotischen Waren wie pflanzlich gegerbtes Büffelleder oder asiatischen Nudeln findet man hier auch traditionelle österreichische Gerichte („Servas! Willst a Schnitz’l?“) oder welche, die weniger bekannt sind, wie zum Beispiel das Waldviertler Mohnzelten.  Unter den 123 fixen Marktständen hört man gefühlt mehr fremde Sprachen als man Deutsch vernimmt und wenn, dann nur mit starkem Akzent.

Wenn man dachte, der Maria Welser Platz, der eher am Anfang des Marktes zu finden ist, sei voll, hat man noch nicht den Flohmarkt gesehen. Gewand, Trödel, Bücher, Filme, alles wird hier begutachtet und verscherbelt. Körper an Körper drängt man sich durch, auffällig laut ist die Ziehharmonika eines grauhaarigen Mannes, der mittendrin vor einem Kaffeebecher sitzt und der mit der Zeit auch anfängt in hohen und schiefen Tönen mitzusingen.

In der Maviedl-Gasse, ziemlich am Ende des Marktes, ist es hingegen weitaus ruhiger. Dort lässt sich ein süßlicher Weingeruch vernehmen und arabische Musik streicht einem um die Ohren, das noble italienische Restaurant „La Piazzetta“ ist jetzt um zwölf weitaus voller als um zehn.

„Bevor wir hier lang rumreden, sog‘ ma gleich, was ma woll’n.“  Ich bin wieder am Anfang des Marktes. Ein junger Mann  grinst den Fischverkäufer an und hinter ihm lachen seine Freunde, als er die größte Lachsforelle bestellt. „Wir sind aus Salzburg, wir wollen ein Festessen.“ Der Verkäufer wechselt lächelnd ein paar Worte mit der Gruppe und holt den Fisch hervor, welcher auf das Packpapier glitscht und dort eingepackt wird.

Mit dem Rücken zum Naschmarkt entferne ich mich langsam von ihm, der Fischgeruch ist das einzige, was ich noch leicht in der Nase habe, selbst wenn ich den Markt nicht mehr sehen kann.

 

Danke für’s Lesen!

-Berni S.

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