Tagebuch einer Buchshop-Bewohnerin.

Man erhebe die Tee-Tassen.

Wiedereinmal grüße ich vom anderen Ende der Welt.

Na gut, zumindest vom anderen Ende des Ärmel-Kanals.

Lustige Tatsache über meine Zeit in England gefällig?

Mein wahres Zuhause hier ist ein Buchshop. „Waterstones“ sein Name, er ist zweistöckig, viel-seitig und verfügt nicht nur über den einzigen, wirklich trinkbaren  Kaffee der Stadt Gloucester, sondern auch über schnelles, kostenloses W-Lan. Mein Lieblings-Verkäufer Rob füllt mit sanftem Zischen dunkle Bohnen in die Mahlmaschine. Links neben mir spielen Kinder mit Stofftieren am Boden. Waterstones ist ein ruhiger Ort. Ein Rettungsring im Sturm der Hektik. Ein Märchenschloss im Land der Leser. Mein Laptop schnurrt zufrieden über den Buchladen-Strom und es riecht nach frisch aufgebackenen Croissants. Ungeniert hängt mein Mantel über einem Stuhl, mir gegenüber. Am Sessel daneben mein Rucksack. Hier bin ich Mensch – hier darf ich’s sein. Vor allem in Bezug auf’s Schreiben. Hier lässt man mir dafür Platz – mental, so wie auch physisch.

Doch so schön die Bücher hier auch sind und so sehr ich auch ganz problemlos den gesamten Inhalt meines Kontos in dieses Geschäft investieren könnte – was es mir hier wirklich angetan hat, sind die Menschen, denen ich stundenlang beim Ein-und Aus-Gehen zuschaue.

Und weil die Briten sich ja bekanntlich nicht bemühen, ihre Eigen- und Besonderheiten zu verbergen, folgt jetzt eine meiner geliebten Listen.

Nämlich:

5 Arten von Buchladen-besuchenden Briten

1.Die Studenten

Jeder weißes: Ihnen gehört die Welt. Nicht die finanzielle zwar, aber der Rest davon. Am Wochenende verlassen sie das Haus meist im Pyjama, erst am späten Nachmittag trifft man sie hin und wieder in Jeans und langen Strickjacken an. Sie tragen ihre Mac-Books mit drei Fingern durch die Gegend, sodass jeder den angebissenen Apfel darauf sehen kann und erstellen lange Pläne, was sie sich wann mit wessen Geld kaufen werden. Wenn es dann einmal so weit ist und sie sich aufgeregt flüsternd in eine ordentliche Schlange vor der Kasse stellen, zählen sie Kupfer-Münze für Kuper-Münze zusammen und bezahlen die Rechnung von Achtundfünfzig-Fünfundneunzig mit Ein- und Zwei-Pence-Stückchen.

Häufig erwerben sie: Bildbände, klassische und experimentielle Literatur, Stifte, Notizbücher. Manchmal klassischen, aber meistens experimentiellen Kaffee, wie zum Beispiel „Gingebread Latte“.

2.Die Familie

Was gibt es Besseres für Kinder, als zu lesen? Tatsächlich bewundere ich jede Tag aufs Neue Mamas, Papas, Großeltern und andere Kindesentführer, wie sie sich schon mit den kleinsten in die Oase der Ruhe trauen. Aber es funktioniert: Man krabbelt, blättert und liest am weichen Teppichboden, während eineinhalb Meter darüber über Teetassen der Kindergarten diskutiert wird. Irgendwo in einer Ecke gurgelt ein Baby synchron mit der Kaffemaschine. Wer weiß, vielleicht ist es Teil einer neuen, Lese-fanatischen Generation.

Häufig erwerben sie: Bilder- und Malbücher, Liebesromane, Krimis, Cappuchinos und Saft für die Kinder.

3. Die Hippies

Was unterscheidet coole Naturschützer von Obdachlosen? Rein optisch nicht viel. Nur das erstere nicht am Straßenrand, sondern im Buchladen konferieren. Die Dreadlocks reichen vielen bis in die Kniekehlen, sie lesen Zen-Malbücher und Anleitungen für den perfekten Gemüsegarten. Sie lächeln freundlich, beschweren sich nicht über Wortfindungs-Probleme von Nicht-Muttersprachlern und loben meine Frisur, wenn ich vergessen habe, mir die Haare zu bürsten.

Häufig erwerben sie: Mal- und Koch-Bücher. Anleitungen für Entspannungsübungen und Reiseführer. Puzzles und Jutebeutel. Avocado-Hummus-Sandwiches mit mediterranem Gemüse und grünem Tee.

4. Die Aristokraten

Sie sind meist über 70, tauchen fast immer im Zweier-Gespann auf und kleiden sich perfekt. Sie machen große Augen, runde Münder, sprechen schönes Englisch mit weichen Vokalen und harten Ts. Sollten zwei Paare aufeinander treffen, teilen sie sich sofort in eine Männer- und eine Frauen-Partie und sprechen über die neuesten Veränderugen in der Stadt und im Privatleben. Im Privatleben anderer Menschen, vertsteht sich. Sie besuchen den Buchladen mangels feinerer Tee-Stuben.

Häufig erwerben sie: Tee, Kaffee, Scones und noch mehr Tee. Ob sie wissen, dass ein Buchladen eigentlich primär Bücher verkauft, bleibt bis heute unerforscht.

5. Die Plebs

Tür auf, Geldbörse auf, Geldbörse zu, Tür zu. Die Hauptstütze von Waterstones, bleibt, neben mir natürlich, das Volk. Sie wissen selten um den zweiten Stock mit Kaffehaus- und Kochbuch-Ecke. Meistens kreisen sie wie Fließpulli- und Cord-Hosen-tragende Geier um den Bestseller-Stand, um dann ein Taschenbuch und eine Menge von Post-Its, Hustenzuckerl und Radiergummis zu erwerben. Denn im Endeffekt sind und bleiben Trinkflasche, Regenschirme und Co. nicht nur im Land des weinenden Himmels das Hauptgeschäft jeder guten Buchhandlung.

Einen schönen und besinnlichen Samstag wünscht

-susanneschmalwieser-

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