Do you like Matura? Oder: Weil auch Englisch eine Sprache ist.

Es regnet, es regnet, es regnet bei stolzen 4 Grad Celsius. Wo bin ich?

Korrekt.

In England.

Für ein „ganzes halbes Jahr“, wie Matthew Lewis sagen würde.

Genieße momentan also nicht nur bis zu 5 Teetassen am Tag, sondern auch beste britische Bildung. Eines der drei (!) Fächer, die ich im Zuge dessen belege, ist Englische Literatur. Ich habe darin abwechselnd zwei verschiedene Lehrerin, eine Waliserin, eine Südafrikanerin, ich genieße also auch ausführliche Akzent-Kunde. In den Stunden wird, mal Lyrik, mal Prosa, mal Drama, gelesen, besprochen, analysiert, interpretiert. Am Ende meiner ersten Woche im Land des EU-Austritts liegen auf meinem Schreibtisch schon vier Bücher, die ich bis zur nächsten Woche lesen sollte, um im Unterricht mitzukommen: Heart of Darkness (Joseph Conrad), The Lonely Londoners (Sam Selvon), Of Mice and Men (John Steinbeck), und eine Gedicht-Sammlung aus dem Jahr 2011, Poems Of The Decade, von William Sieghart.  Zweifellos haben wir hier andere Vorraussetzungen, als in den engen und stickigen Klassenzimmern im Land der Berge: Die Gruppe der Lernenden besteht aus 10 Personen, die sich alle freiwillig dazu entschieden haben, Literatur als Fach zu belegen, und überhaupt reden wir hier von eingeborenen, eingefleischten Muttersprachlern. Trotzdem wage ich es nun, den Vergleich mit dem heiß umfehdetem, wild umstrittenem österreichischem Bildungssystem.

Zuallererst möchte ich anmerken, dass ich, in einer Woche englischer Schule, hier genauso viele Bücher zu lesen bekommen habe, wie in den letzten vier Jahren im Englischunterricht. Und wie schon so oft möchte ich betonen, dass ich die keineswegs irgendeine „Schuld“ zuweisen möchte – besonders nicht den Lehrern; und dass ich das nicht aus Feigheit, sondern aus Überzeugung nicht tue. Und ja, schon klar, die Matura verlangt, was das Englische angeht, kein Literaturkenntnis, geschweige denn -verständnis. Nach vier Jahren Oberstufe haben wir weitaus mehr Grammatik-Ankreuz-Übungen gemacht, als wir Sterne am Himmel gesehen haben; wissen, dass es bei Hörübungen nicht darum geht, den Kontext zu verstehen, sondern die dahin-genuschelten Details. Wir sind Meister darin, zehn Minuten lang zwei Bilder zu vergleichen, auch wenn wir nichts über sie zu sagen haben, weil die Qualität nicht zu zählen scheint, wenn die Quantität nicht stimmt. Das Gleiche auch beim Verfassen von Texten – nicht nur zu wenige, nein, auch zu viele Wörter führen zum Punkteabzug. Textsorten wie den „Opinion Essay“ können wir im Schlaf schreiben – 5 Absätze: Einleitung, 3 Argumente, Schluss – brauchen werden wir sie wohl nicht einmal, wenn wir in Oxford Linguistik studieren, denn in der großen weiten Welt zählt im Endeffekt der Inhalt.
Nach vier Jahren Oberstufen-Englisch schaffen wir also  – hoffentlich – die Matura, aber was danach kommt, scheint Schulbücher und Lehrpläne kaum zu interessieren. Lernen wir, stundenlang Smalltalk zu führen? Nein. Wissen wir, wie ein amerikanisches Bewerbungsschreiben auszuschauen hat? Nein. Gibt das österreichische Schulsystem unseren Lehrern genug Möglichkeiten, uns die Liebe zur Sprache zu vermitteln, oder sind viele von ihnen dazu gezwungen, besonders schwächeren Schüler zumindest ein wenig Angst einzujagen, damit sie in Multiple-Choice-Übungen zu Past Simple und Co. auch ja die richtigen Kreuzchen und Häkchen setzen können?

Wir schließen sämtliche Grammatik-Kapitel mit vierzehn ab – und trotzdem gehen wir dann nicht, standardmäßig, dazu über, was einen so großen Teil jeder Sprache ausmacht: Der Literatur.

Ich rede gar nichtShakespeare, Bronte und Fitzgerald. Ich rede nicht von langen Gedicht-Interpretationen und Sprach-Analysen. Aber je länger ich das Englisch der Engländer erleben und genießen darf, umso mehr frage ich mich:

Wann ist Englisch in unseren Schulen zu dem Stiefkind geworden, dass es heute ist?

Wieso lernen wir blind Muster und Systeme auswendig, anstatt Diskussionen zu führen, über Themen, die uns bewegen, und Bücher zu lesen, die uns berühren?

Und warum setzt eine heutige Englisch-Matura anscheinend nicht das geringste Literaturkenntnis voraus? Gehört zu einem Sprach-Verständnis nicht auch ein gewisses Maß an Kultur-Verständnis?

Oder ist Englisch in der österreichischen Schule momentan keine Sprache mehr?

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2 Gedanken zu “Do you like Matura? Oder: Weil auch Englisch eine Sprache ist.

    1. Hallo liebe Christa, habe Dein Kommentar leider erst jetzt bemerkt. Vielen Dank dafür, auf alle Fälle. Ich freue mich wirklich darüber (und darüber, dass Du unseren Blog verfolgst). Da ist gar nichts unangenehm 🙂 . LG Susi

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