lesen/leben: Vom Buch-Halten und Durch-Halten

Die Sinn-Frage kommt und geht. Besonders wenn einem trotz drei Pullovern beim Spazierengehen immer noch kalt ist und die einzige Lichtquelle am morgendlichen Weg der eigene, weiß-rauchige Atem ist, in dem sich das zitternde Licht einer Straßenlaternen spiegelt. Besonders dann, wenn wer es ohnehin nicht leicht haben, wenn wir es kalt, planlos und einsam haben, drängt es sich uns auf, das große, allumfassende „Wozu?“. 
Wozu ein Buch herausnehmen und aufschlagen? Wieso müde Augen über einschläfernde Seiten wandern lassen? Warum würde man sich trotz der Arbeit, trotz dem Stress, trotz der ständigen Erschöpfung noch abends hinsetzen und sich mit etwas so simplen und doch so anstrengendem wie Literatur befassen?

Und wer weiterdenkt, sich weiter einsaugen lässt von Strudel der endlosen Fragen, der will bald Eines wissen: Wieso macht man sich überhaupt noch die Mühe? Wieso druckt man denn noch Bücher und liest sie, statt die Zeit als Buchhalter zu nutzen, damit man später möglichst schicke Flüge buchen kann?
Laut der Presse hat fast ein Drittel der österreichischen Jugendlichen eine Leseschwäche. Laut Niki Glattauer ist – durch die Blume – mehr als ein Drittel aller Jugendlichen dumm. Schon meine Volksschullehrerin hat gemeint, „Kinder von heute lesen nicht“. 

Eine meiner liebsten Klassenkameradinnen hat ein Patent auf den Spruch, „das ist ja unlesbar“. 
Nicht unverständlich, der Mensch ist immerhin bequem. Trotz Pisa-Tests und Bifie-Erhebungen scheint es unmöglich, das Lese-Defizit zu beheben. Vielleicht, weil es an nahe liegendem Grund mangelt. Denn es muss ja nicht lauter Akademikerinnen geben. Weit mehr als ein Drittel aller Jugendlichen braucht nach dem Schulabschluss den Satz des Pythagoras nie wieder. Wieso sollte es mit literarischer Bildung anders sein? 
Besonders wenn mir trotz drei Pullovern noch kalt ist und ich Laternenfest-mäßig einen rauchig-weißen Atem-Lampion vor mir hertrage, sehe ich den Grund ganz genau vor mir:
Sprache ist Kapital. 

Wer sich ausdrücken kann, hat es leichter. Beim Bewerbungsschreiben, beim geschäftlichen Email, beim Liebesbrief. Wer sich ausdrücken kann, hat es leichter. Beim Streiten, beim Trösten, beim Verstanden-Werden. 

Lesen ist das Werkzeug, mit dem wir uns dieses Kapital erarbeiten.

Um Sprache verwenden zu können, muss man sie auch gut genug kennen.

Schon klar, dass Gärtner nicht Goethe, Friseure nicht Frisch und Spar-Verkäufer nicht Schnitzler zitieren müssen, um in ihrem Job erfolgreich zu sein. 

Aber Lesen zu können heißt mündig zu sein. Es heißt Verträge zu verstehen, Wahlplakate wahrzunehmen, die Zeitung zu beachten. Und Lesen-Können heißt nicht nur Buchstaben zu kombinieren. Es braucht Zeit, Geduld und eine ganze Menge Übung. 

Lesen zu können und es gerne zu tun heißt, sich auszukennen. Daran gewohnt zu sein, nachzufragen, nachzuhacken, sich zu informieren und auch daran zu glauben, sich selbst auszudrücken. Ganz egal, ob in der Doktorarbeit oder beim Heiratsantrag, ob bei der Festrede oder in einer Whatsapp-Nachricht. 

Lesen heißt Verstehen-Können, nicht nur Worte, nicht nur Sätze, nein, Menschen, denn sich schriftlich auszudrücken, sich hinter Seiten und Tinte zu verstecken fällt so oft um so vieles leichter.

Deshalb bitte ich alle Bildungsbeauftragten, alle Lehrer, Eltern, alle Buchmuffel und Leseratten: 

Auch wenn es kalt ist und dunkel, auch wenn das einzige Licht am Ende des Tunnels der über-weihnachtlich-dekorierte Baumarkt zu sein scheint – vergesst nicht auf Bücher. Vergesst nicht auf die Geschichten, die Nachrichten, die Plakate, die Facebook-Posts, auch wenn der Buchhalter sich schon beschwert, weil Weihnachten teuer ist und wir alle am liebsten Flüge nach Ganz-Weit-Weg buchen würden. 

Lest und macht euch wissend.

Lest und macht euch mündig.

Lest, und sei es nur, um die Realität für ein paar Stunden zu vergessen.

-susanneschmalwieser-

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