Unnötig/Innen? Vom Kampf ums Gendern.

Abgedroschen, ich weiß. Überdiskutiert. Unnötig. Aber trotzdem noch Thema. Thema bei der Schularbeit, Thema in jedem Geschäftsbrief, jedem Online-Post. Thema im Karbarett. Quelle für Satiriker. Ja, in Wahrheit werden Binnen-I und Co. ja fast öfter durch den metaphorischen Kakao gezogen, als man sie benutzt. Man fühlt sich erwachsen, vernünftig, humorvoll und als Verteidiger der deutschen Sprache, wenn man an ohnehin nicht deklinierbare Begriffe weibliche Endungen anhängt.

Ganz klar: Binnen-Is und Schrägstrich-Innen zerstören seit Jahren nicht nur Texte sondern auch Freundschaften. Zeit, dem Kampf ein Ende zu setzen. Zeit, für eine finale Abrechnung. Wie unnötig/innen ist das Gendern denn wirklich?

Werfen wir hierzu einen Blick auf:

Die 7 häufigsten Anti-Gender-Aussagen

1. Jeder weiß, wovon ich rede, wenn ich die männliche Form verwende.

Natürlich. Aber es geht hier um eine gewisse Art der Rücksichtnahme und ums Schenken von Aufmerksamkeit. Schon klar, wir Menschen machen es uns gerne einfach, sparen Worte (und Endungen), um so wenig Atemluft und Kraft in den Fingern wie möglich zu gebrauchen. Und trotzdem fühlen wir uns gerne angesprochen. Gerne direkt angesprochen. Wir freuen uns, wenn jemand nicht in einen Raum hinein, sondern direkt uns fragt. Unseren Namen verwendet. Uns dadurch zeigt, dass er oder sie uns nicht nur registriert, sondern auch bemerkt, wahrnimmt, über uns nachdenkt. Wenn Du nur die männliche Form eines Worts benutzt, um die Allgemeinheit anzusprechen, weiß jeder, wovon du redest. Wenn du beide Formen verwendest, fühlt man sich auch angesprochen.

2. Die Frauen werden auch nicht von heute auf morgen gleichberechtigt, wenn ich überall   ein -innen dranghänge.

Das stimmt schon. Aber genau genommen kannst Du in den meisten Fällen so schnell nichts gegen unfaire Löhne, häusliche Gewalt oder Diskriminierung in der Öffentlichkeit ausrichten. Aber du kannst kleine Gesten als Zeichen setzen. Du kannst Frauen und Mädchen schriftlich gleichberechtigen, in deinen Texten, deinen Briefen, deinen E-Mails. Wenn wir alles sofort aufgeben würden, wenn wir damit nicht sofort die Welt verändern, hätten wohl auch Gandhi oder Mutter Theresa nie irgendetwas getan. Wer groß hinaus will, muss klein anfangen.

Wieso würden wir denn sonst spenden, wenn wir die Armut nicht sofort abschaffen können? Wieso würden wir uns umeinander kümmern, wenn wir wissen, dass wir sowieso sterben?

Nein, weibliche Endungen verändern nicht die Welt. Aber vielleicht das Weltbild der einen oder anderen Person, die plötzlich daran denkt, dass auch sie eine Mangerin, Chefin oder Präsidentin sein könnte.

3. Habt ihr keine größeren Probleme?

Eine Todschlagfloskel. Aber theoretisch könnte man ja alles und jeden damit als unwichtig abtun.

„Was, ihr beschäftigt euch mit der Gender-Frage? Woanders wird gerade jemand vergewaltigt.“

„Was, ihr regt euch über die Vergewaltigung auf? Woanders wurde gerade jemand ermordet.“

„Was, ihr findet den Mord schockierend? Bei der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 wurden 126.000 Menschen getötet. Das Mordopfer war nur einer. “

Und so weiter.

Ja, die Welt hat eine Menge Probleme, aber es gibt nicht so viele, die wir selber lösen können. Da sollte doch die Zeit für ein paar weibliche Endungen bleiben.

4. Gendern zerstört die Sprache.

Diese Argument ist und bleibt für mich ungültig, solange seine Urheber mit Anglizismen und solchen, die es gerne wären (Beispiel Wellness, Handy, …) um sich werfen. Sprache ist und war schon immer etwas, das sich pausenlos verändert – die meisten Menschen hingegen sind von Natur aus Traditionalisten und weinen schon immer den guten alten Zeichen. Ich bitte aber, zu bedenken, dass „mein Haus“ auch einmal neu und hässlich und viel zu innovativ war, und ganz sicher eine große Menge Menschen sich über diese neuen Sitten beschwert und dem geliebten „min Hus“ nachgetrauert hat.

Und wo wir schon dabei sind: Ich kann verstehen, dass weder Binnen-I noch die unzähligen Schrägstriche besonders hübsch anzusehen sind. Wenn das schon so irritiert, mache ich hiermit den Vorschlag, das und zwischen „Freunde“ und „Freundinnen“ einfach auszuschreiben. Es sind doch nur drei Buchstaben.

5. Gendern ist unnötig.

Das ist Ansichtssache. Manche Menschen finden auch Händedrücke oder Krawatten unnötig. Anderen ist ihre Verwendung unendlich wichtig. In gewissen sozialen, offiziellen Situationen passen sich trotzdem alle einem Kodex an, der denen entgegenkommt, die eine Meinung dazu haben. Die es sehr wohl für nötig halten. Und besonders wenn es für Dich keine Rolle spielt, besonders wenn du das Gendern für unfassbar egal hältst, solle es dir doch nichts ausmachen, es trotzdem zu tun, denen zuliebe, die davon bewegt, betroffen und berührt sind, oder?

6. Das ist kontraproduktiv. Das Gendern unterstützt nur die klischeehaften Rollenbilder der Geschlechter.

So weh es mir tut, das zu sagen, muss ich zugeben, dass ich kaum glaube, dass es so schnell eine Gesellschaft ohne klischeehafte Rollenbilder gibt. Das der Frau war allerdings in den vergangenen Jahrhunderte weit unter das des Mannes gestellt – ich möchte hier keine Geschichte-Stunde abhalten, aber trotzdem daran erinnern, dass der weibliche Teil der Bevölkerung heutzutage Chancen und Möglichkeiten hat, von denen auch noch Mädchen des frühen 20. Jahrhunderts nicht einmal träumen konnten. Frauen als vollkommen gleichwertigen Teil der Gesellschaft zu sehen und sie (auch sprachlich!) zu integrieren ist natürlich nicht die absolute Lösung aller Probleme, aber ein Schritt. Die, schon oben erwähnte, Möglichkeit für uns alle, einen Beitrag zu leisten.

Wem die Vermeidung und Aufhebung von strengen und klischeehaften Rollenbildern nun aber wirklich am Herzen liegt, höre nun die beliebtesten Möglichkeiten und Vorschläge für hundert prozentig geschlechtsneutrale Pronomen an:

Personalpronomen sif (sis/sim/sin), Possessiv sir, sires etc., Artikel/Relativpronomen dif (dis/dim/din).

Eine Zusammenziehung von „sie“ und „er“: sier (sies/siem/sien), Possessivpronomen sieni(r/s), und Artikel/Relativpronomen dier (dies/diem/dien).

Personalpronomen: xier (xies, xiem, xien), Possessivpronomen „xiese_“, als Relativpronomen bleibt „dier“ bestehen.

Die Sylvain-Konvention, ausgehend von einer Experimentierwerkstatt kam 2008 auf „nin“. Personal wären das dann nin (nims_, nim, nin). Bonus bei der Sylvain-Konvention: Das „neutrale“ Gender bekommt als Bezeichnung „liminal“, um es vom Neutrum abzugrenzen, und es gibt eine neue liminale Wortendung für bestehende Worte. „Din Zauberir nahm nimsen Buch.“

7. Und was ist mit der Gleichberechtigung der Männer?

Etwas, dass ich immer und immer wieder zu hören bekomme.

Meine Antwort darauf ist einfach:

Die Gleichberechtigung der Männer ist genauso wichtig. Nicht, weil sie Männer, sondern weil sie Menschen sind. Ich würde nicht auf die Idee kommen, zu verlangen, alle männlichen Nomen auf weibliche auszutauschen oder zu verlangen, dass wir Männern und Buben in die Rolle zu zwängen, die Frauen und Mädchen in vergangenen Jahrhunderten über hatten.

Genauso wie es nicht lustig oder cool ist, Frauen zu beleidigen, ist es nicht lustig oder cool, sich über Männer lustig zu machen.

Aber der Punkt ist der: Wir sitzen im selben Boot. Mädchen und Jungen werden in der Schule gemobbt. Schüler und Schülerinnen sind irgendwann zum ersten Mal unglücklich verliebt. Männer und Frauen fürchten in dieser Sekunde um ihr Leben. Mütter und Väter wissen oft nicht, wie es weiter gehen soll.

Wir brauchen einander, egal welches biologische, egal welches Geschlecht. Wir brauchen Hilfe, Untersützung, Vertrauen und im Gegenzug auch hin und wieder ein bisschen Dankbarkeit – auch wenn sie bloß darin besteht, in einem Geschäftsbrief erwähnt zu werden.

 

-susanneschmalwieser-

Werbeanzeigen

6 Gedanken zu “Unnötig/Innen? Vom Kampf ums Gendern.

      1. Das war kein Bewerbungsschreiben und ich nehme Tor 3.
        Mein wichtigerer Kommentar ist derjenige, den ich zu eurem Schreibtipp Nummer #8 verfasst habe. Lasst den bitte wegen eines Witzes nicht untergehen.
        Ich wünsche euch alles Gute für euren Blog.

        (PS: ich setze mich bei meinem Blog sogar häufig für stärkere Frauen in Filmen ein. Nie den Humor verlieren)

        Gefällt 1 Person

  1. Heyho,

    warum ist es hier so still geworden?
    Fände es schade, wenn von euch nichts mehr auf diesem Blog erscheinen würde.

    Schönen Gruß

    PS: habe gerade bemerkt, dass ihr euch in der Meta-Description selbst als „Schreiber“ und nicht als Schreiberinnern bezeichnet – warum das?

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s