Theaterkater (Oder Kasperlkino?): Schillers Die Räuber

War gestern im Theater. Wenn man so will. Bin die Vollstheatertreppe auf und ab gestöckelt, hab im 2 Seiten dicken Programmheft geblättert, während Deutschlehrer über Deutschlehrer mich für ein entlaufenes Schaf seiner unfreiwillig anwesenden Herde hielt. Tatsächlich waren in den Möchtegern-barocken Hallen mehr Schulklassen anwesend, als ich unserer Republik je zu beherbergen zugetraut hätte. 

Wundern sollen hätte es mich nicht: Friedrich Schillers Die Räuber gehört neben Faust I und Fifty Shades of Grey  zu den Büchern, deren Fängen selbst Literatur-Hasser und Anhänger der Ich-Lese-Niemals-Sekte nicht entkommen können. 

Doch die Aufführung, die mit dem gestrigen Tage, dem 18. Oktober 2016, ihre Erstaufführung im Wiener Volkstheater feierte, und laut momentanem Stand dort genau zweimal aufgeführt werden soll, war zweifellos keine klassische, abgedroschene, verstaubte, bürgerliche (man füge sämtliche Adjektive ein, mit der Theaterstücke gerne beschimpft werden) Inszenierung. 

Tatsächlich hat sich Matthias Hartmann, der der einen oder anderen vielleicht als ehemaliger Intendant des Wiener Burgtheaters bekannt sein dürfte, etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um Schiller Stoff in eine moderne, zeitgemäße, jugendtaugliche, innovative (man füge sämtliche Adjektive ein, mit denen sich Regisseure gerne preisen lassen) Aufführung zu verwandlen. 

Wie er das gemacht hat? 

Man stelle sich einen Bildschirm vor, über der Bühne hängend, etwa in der Größe einer kleinen Kinoleinwand. Darauf: Das Stück, mit Schauspielerköpfen und Schauspielergesichtern in der Größe von zwei Möchtegern-barocken Lustern. Wozu dann die Bühne selbst gebraucht wurde? Für drei Green-Screens, eine Menge von Kameras und den Teil des Ensembles, dessen Auftritt nicht schon im Vorhinein aufgezeichnet, sondern der tatsächlich, live, lebendig, auf der Bühne spielte. Mit Hilfe ersterer wurde das Spiel der Schauspieler dann mit den gefilmten Sequenzen zusammengeführt und auf die Leinwand projiziert. 

Zweifellos eine innovative Idee. Zweifellos nett, um Technik-Muffeln zu zeigen, welche Kunststücke und Tricks man heute durchführen kann. 

Aber wozu?
Zweifellos nicht, um die Schauspieler in ein noch besseres Licht zu rücken, da diese – was man ihnen keineswegs verübeln kann – zum Spiel auf der Bühne, und nicht im Film, ausgebildet sind. Große Mimik und leidenschaftliche Gestik wirken zwar am Volkstheaterboden, wo ein Mundwinkelzucken maximal der ersten Reihe auffällt. Im Film allerdings, im Kino, zählen die Kleinigkeiten. Alles andere wirkt grotesk, verzerrt, übertrieben. 

Oder, anders ausgedrückt: Auf der Bühne spielt man eine Rolle. Im Film versucht man, man selbst zu sein, und sei es auch in Situationen, in die man unter normalen Umständen nie geraten würde. Zwei vollkommen unterschiedliche Bereiche eben. Sie zu vermischen muss nicht, aber kann, zweifellos, kritisch enden. So auch in Hartmanns Räubern.

Wieso also die Mühe? 

Wieso eine so innovative Neuinszenierung?

Ich wage nun an dieser Stelle Regie und Theater zu unterstellen, dass sie Opfer eines Phänomens wurden, das ich hiermit Klassik-Mag-Doch-Heute-Eh-Keiner-Syndrom nenne.

Und es stimmt, Schillers Räuber sind kein leichter Stoff. So gerne man sie in der Schule auch liest, bespricht und zeranalysiert, entspricht die Form des Gefühlsausdrucks, der praktizierten und besprochenen Leidenschaft, nicht mehr unserem Weltbild, den Erwartungen unserer Gesellschaft. 
Deswegen müssen wir es anders aufarbeiten. Text kürzen, Ort ändern, Sprache aktualisieren. Ganz besonders, weil Schullektüre. Weil man nichts unter einen Glassturz stellen soll. Weil man der Jugend zeigen muss, wieso Stücke wie Die Räuber heutzutage noch von Relevanz sind – denn wenn schon Papa und Oma die eigene Gefühlswelt nicht verstehen, wieso sollte es dann Schiller tun? 

Wenn man eines über die Jugend weiß, dann: Sie geht gerne ins Kino. Wieso  also nicht ein abgedroschenes, verstaubtes (siehe oben) Genre kreuzen mit etwas, dass so modern, so jugendlich, so populär ist? 

Weil es einen Grund dafür gibt, dass Theater nun mal Theater ist. Weil manche Gefühle, manche Ausdrucksweisen eben so stark, und so weit in den Hintergrund gerückt sind, dass das moderne, innovative und actiongeladene Medium Film dafür einfach zu viel, zu groß, zu bunt ist. Weil ein Schiller’scher Film heutzutage wohl zu langatmig, langweilig, unverständlich wäre und das Theater uns im Gegensatz dazu mehr Freiraum lässt. Freiraum für Interpretation, für Fantasie, für Verständnis, nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen. Und dabei meine ich nicht nur ein potenzielles Publikum – nein, auch Regisseure und Matthias Hart-Männer.

Nach seiner ausgelaufenen Burgtheater-Karriere scheint Herr Hartmann nun doch auf Kopf-Arbeit umgestiegen zu sein und versucht in seiner Inszenierung der Räuber auch mit Hilfe eines erzählenden Räubers (Spiegelberg, sein Name) mehr logisches Verständis in das Stück bringen zu wollen. Ein erzählender Räuber, der Fledermaus-ähnlich hüpfend nicht nur an einen Kinderserien-Moderator erinnert, sondern dem Stück auch eine Hand voll Ernsthaftigkeit raubt. 

Heißt „die Jugend für die Klassik begeistern“ nun also, ernsthafte und bemitleidenswerte Figuren zu hechelnden, großäugigen Witzfiguren, das Theater in ein Kasperlkino zu verwandlen?

Ist der böse Bruder Franz nicht schon Kanaille genug, muss man ihn auch noch in allem seinem Bösewichtertum erniedrigen, in dem man ihn bei laufender Kamera gut zwei Minuten lang in der Nase bohren lässt?

Als Teil der viel gefürchteten Jugend von heute würde ich das ja zweifellos noch alles gut heißen, wenn ich den Eindruck hätte, dass es auch nur den geringsten Anklang findet. 

Doch als ich gestern, nach Karl Moors finalem „Dem Manne kann geholfen werden“ den Saal verlasse, höre ich hinter mir einen Schüler, ungefähr in meinem Alter, mit einer weiten Jogginghose bekleidet, verkünden:“Und für so’n Scheiß hab ich zehn Euro ausgegeben.“

In diesem Moment bin ich gedanklich ganz bei Matthias Hartmann, der nach seiner hypothekischen Zeit als Intendant nun scheinbar einen hypothetischen Versuch startet, Jugendliche wie Herrn Jogginghose-im-Volkstheater für die großen Künste zu begeistern und da dachte ich mir, in aller Erschütterung und Herzensgüte: „Dem Manne ist nicht zu helfen.“
-susanneschmalwieser-

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2 Gedanken zu “ Theaterkater (Oder Kasperlkino?): Schillers Die Räuber

  1. wirklich witzig! so ein Verriss macht halt Spass!wahrscheinlich taets gar nicht so vieleVerrisse geben, wenn da nicht die Fwder von selber laufen wuerde – immer nur nett sein haelt ja keiner aus. Hartfrau!

    Von meinem iPhone gesendet

    Gefällt 1 Person

  2. Ach ein Thema, das ich letzt mit meinem Mann hatte. Da ist ein Opernstück im Fernsehn aufgeführt worden, das eigentlich auch eher Barrock ist – aber es wurde in ein Wohnzimmer versetzt. Da bin ich echt gespalten. Ich mag es gern klassisch, kann mich aber auch nicht entziehen, wenn etwas modernisiert wird. Mir gefiehl zum Beispiel Romeo und Juliet mit DiCaprio und Danes. Also es kommt echt auf die Umsetzung an. Wie bringt man die Jugend an die Klassischen Schätze. Ich denke eher würde es mit mehr Präsenz klappen. Lieber Schillers Räuber als Frauentausch…;-)
    Aber ein schöner Bericht

    Gefällt 1 Person

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