“Papa red‘ doch Deutsch“ – Vom Aufwachsen mit Dialekt.

In der Schule lobt man mein Hochdeutsch. Die harten Ts, die schönen eis und aus, beim Vorlesen. Das R, das ich nicht rollen, aber stimmhaft klingen lassen kann. Meine Aussprache ist ja schließlich ein Zeichen von Bildung; sie steht für ein Interesse an den höheren Formen der Kultur.

Wenn ich dann zum Telefon greife, weil Oma aus Oberösterreich anruft, der Schock: Da kommen Laute aus meinem Mund, die man von mir bei Weitem nicht gewohnt ist; der berühmte „Oachkatzlschwoaf“ ist Nichts, im Vergleich zu den Worten, die ich benutze.

In Niederösterreich gehören ich, und mein Vater, als dialektsprechender Universitätsprofessor, einer Minderheit an. Im Deutschunterricht werde ich als Beispiel für „zweisprachig aufgewachsene Personen“ angeführt.

Oft fragt man mich, wieso ich denn so stolz darauf sei, mit fünf unverständlicher gesprochen zu haben als manch oberösterreichischer Bauer. Oft fragt mich auch mein Bruder (8 Jahre), was mein Opa denn mit Begriffen wie „ausbuan“ oder „tramhappert“ (Tipps dürfen in den Kommentaren abgegeben werden) meine. Manchmal verlangt er auch von meinem Vater, er „solle doch Deutsch reden“.

Genau deswegen bin ich stolz darauf. Stolz auf meine „Vatersprache“. Weil heutzutage nur zu gerne vergessen wird, wie vielfältig und reich unsere Sprache eigentlich wirklich ist. Wie viele verschiedene Dialekte und Akzente es gibt, auf dieser Welt, und dass es, besonders im Bereich der Sprache, kein richtig oder falsch gibt.

Ich hatte das Glück, vielleicht nicht „Zweisprachig“, aber ganz sicher „Zwei-aus-sprachig“ aufzuwachsen – und es heißt nicht umsonst: „Um jemandes Welt zu verstehen, musst du seine Sprache sprechen“.

Eine Vielfalt von Dialekten bedeutet eine Vielfalt von Welten, von Kulturen, von Meinungen, die durch ihre gemeinsame Abstammung verbunden sind.

Mit dem Dialekt aufgewachsen zu sein bedeutet für mich, von klein auf nicht nur einen immensen Wortschatz an interessanten, witzigen und ungewöhnlichen Begriffen gekannt, sondern von klein auf gelernt zu haben, wie schön, spannend und anziehend die Unterschiede zwischen einzelnen Menschen, Regionen und Orten sein können; dass es etwas Schönes ist, gewisse Eigenheiten in Aussprache und Grammatik mit Menschen zu teilen, die man liebt; ich habe gelernt, wie gut es tut, manchmal voll und ganz dazuzugehören und manchmal voll und ganz aus der Menge herauszustechen. Aber vorallem weiß ich, dass es kein schöneres, besseres oder richtiges Deutsch gibt. Auch wenn man in der Schule mein Hochdeutsch lobt, bin ich am Ende doch, mit Herz und Seele, zwei(aus)sprachig.

Um am Ende noch mit einem Goethe-Zitat das allgemeine literarische Niveau zu heben:

„Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch das Element, in welchem die Seelen ihren Atem schöpfen.“

 

Kommentiert doch mal euer liebstes Dialekt-Wort. 🙂

 

-susanneschmalwieser-

 

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3 Gedanken zu ““Papa red‘ doch Deutsch“ – Vom Aufwachsen mit Dialekt.

  1. Ich liebe auch Dialekte…Meine französisch Lehrerin hat mir immer gesagt ich würde hessisches Französisch sprechen. Wir Hessen haben ja immer so die Probleme mit den SCH-Lauten…bzw nicht Problem..wir mögen sie, und so werden sie auch schön betont…;-) Aber meine Mutter hasst Dialekte, deswegen kann ich leider nicht so gut hesseln wie ich gerne würde…Kolter – das ist ein schönes hessisches Wort…(Decke) Klumbe (Bonbon) …auch schön…

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  2. Also hier meine Tipps:
    „ausbuan“: Wenn ich das mache, dann halte ich es irgendwo (aus welchen Gründen auch immer) nicht mehr aus und renne einfach nach draußen.
    „tramhappert“: … bin ich fast jeden Tag, wenn ich beim Frühstück sitze!
    Ach ja, „Papa red‘ deutsch“ höre ich auch öfters.
    Im übrigen lese ich mit Vergnügen eure Beiträge hier, weiter so!

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