Bücherhypes – Wenn Autorinnen zu Superstars werden

King’s Cross Bahnhof, London, England. Mein U-Bahnticket suchend bemerke ich eine lange, britisch-geordnete Schlange, davor einen Fotografen, davor einen in der Wand verschwindenden Gepäckwagen, davor das Schild „Platform 9 3/4“. 
Schon fast zwanzig Jahre sind vergangen, seit J. K. Rowling zum ersten Mal ihren Harry Potter und Millionen von Lesern über diesen Bahnsteig in eine andere Welt geführt hat, und immer noch stellen sich an einem sommerlich-warmen Dienstagnachmittag unzählige Menschen über eine Dreiviertelstunde lang an, um ein Foto an dem legendären Ort schießen zu lassen und dafür fünfzehn Pfund zu bezahlen. Die Autorin und das sie umgebende Fandom (Kompositum: Fan + Kingdom) sind zum Weltwunder geworden – auch ich kam durch J. K. Rowling zum Schreiben. Ich weiß, es gibt ausgefallenere Geschichten, aber so war es eben; irgendwann wollte ich auch eine Welt erfinden, sie mit anderen teilen und – wie wir damals alle – berühmt werden. 
Wir Menschen brauchen Stars scheinbar wie Blumen die Sonne. Wir lassen uns anziehen vom Glanz, von der Schönheit, von der scheinbaren Perfektion. Wir lieben unsere Idole und beten die Berühmtheiten an, egal ob im Fernsehen, Radio – oder in der Literatur. Gerade im letzteren Bereich jedoch werden sogenannte „Hypes“ gerne verachtet. Verglichen mit Rihanna oder Jonny Depp seien Texte doch etwas Ernstes; vor einer Buchhandlung hätten kreischende Schulmädchen und nervöse Fan-Boys ja genau genommen nichts verloren. 
J. K. Rowlings „Harry Potter“ gilt dafür ganz sicher als Paradebeispiel. Als Beispiel für die Fans und die Ausraster, für das Kreischen und die innerhalb von Sekunden vergriffenen Bücher. Vielleicht ist es genau deshalb nicht überraschend, dass Autorin und Verlag oft vorgeworfen wird, „nur Geld machen zu wollen“; dass „das alles ein riesiger Werbegag“ sei. Aber während „Geld machen“ an sich ja für jeden von uns notwendig ist – die Schreiberin muss sich das kreative Leben ja auch leisten können – weigere ich mich zu glauben, dass besagte „Werbegags“ alleine hunderte von Menschen dazu bewegen können, vor Buchhandlungen und Theatern zu campieren. Sie können sicher nachhelfen, die Begeisterung anregen, aber wir haben doch schon oft genug bewiesen, dass wir als Gesellschaft nicht vollkommen, hundertprozentig beeinflussbar sind. Nein, ein „Hype“ braucht mehr als gute Werbung, was unsere Stars strahlen lässt ist der Geist unserer Generation. 
Es gehört mittlerweile zu den vielen Gesetzen des Young-Wild-And-Free-Seins, das mann wie mädchen einem Fandom angehören muss, gewisse Interessen und Idole vertritt und verteidigt. 

Wieso? Weil es Zusammenhalt gibt, weil Gespräche über Bekannte und der neueste Klatsch und Tratsch eben lange nicht abendfüllend sind; weil man sich besonders in den berühmten Jahren der Suche gerne an etwas festhält, das man schon gefunden hat; und ja, weil manche Dinge eben einfach interessant, bewegend und faszinierend sind, in jedem Alter, in jeder Lebenslage. 
Was nun von Generation zu Generation variiert ist die Art, damit umzugehen. Mit den Interessen. Mit der Leidenschaft. Und wir jungen Leute schreien gerne. Wir rufen und wir hüpfen und wir übernachten im Freien, um Karten für dieses eine Konzert zu bekommen. Weil wir die Zeit, die Energie, und die Motivation haben. Weil das junge Leute schon lange machen; manche am Opernstehplatz, andere im Club. 
Und nun passiert auch mit den Büchern. Man „zuckt“ ihretwegen „aus“. Man kann Ringe und Spottölpel und Wölfe und uralte Schlösser nicht mehr ansehen, ohne an die Geschichten zu denken, die uns die Autoren und Autorinnen erzählt haben, die eventuell, eines Tages, hoffentlich, vielleicht, mit ganz viel Glück einen unserer Twitter-Posts nach-zwitschern werden. 
Ja, mit Sicherheit ist das ein Stück Geschäftemacherei. Und nein, ohne all der Werbung, dem Merchandising, und der großen Menge an glücklichen Zufällen hätten es Collins, Green, Rowling und all die anderen nie dorthin gebracht, wo sie heute stehen. 
Aber das ist doch an sich nichts Schlechtes. 

Das Jubeln, das Anbeten von Berühmtheiten ist Teil unsere Gesellschaft, Teil unserer Generation geworden. Bücherhypes machen also genau das, was wir genau genommen immer wollen: Sie lassen auch die Literatur ein Stückchen mehr Teil unserer Gesellschaft, unserer Generation werden. 
-susanneschmalwieser-

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4 Gedanken zu “Bücherhypes – Wenn Autorinnen zu Superstars werden

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