Schreibtipp #5: Ist weniger mehr?

Adrenalinkicks, Abenteuer, bis hin zur Apokalypse – wir alle suchen das Atemberaubende, lassen unsere Helden gerne von Klippen springen und Monster bezwingen, sich auf den ersten Blick verlieben, wilde Partys feiern und dabei versehentlich ihren Mörder einladen. Weil es uns aufweckt. Weil es uns hinaus holt, aus dem Alltag und hinein zieht in eine neue, unbekannte, Action-geladene Welt, weil wir mittags am Strand oder abends auf der Couch nunmal nicht nur unterhalten, sondern gespannt, gefordert und bewegt werden wollen. Als Schreiber trägt man gerne dick auf, tötet seine Charaktere ja schon unbewusst, bricht fließbandmäßig Herzen. Wir schreiben uns in alles hinein, was wir selbst gerne erleben möchten, nur dass wir uns den Ausgang und das Ende der Geschichte aussuchen können. Schon unter römischen Autoren galt die Übertreibung (schlau: Hyperbel) als beliebtes Stilmittel, und „weniger“ ist scheinbar nur noch in Kochbüchern und Betriebsanleitungen mehr.

Schön und gut, wir alle brauchen unser Adrenalin, unsere Abenteuer und die gelegentliche Apokalypse. Wir wollen berührt, bewegt, auf die Folter gespannt werden. Aber was ist mit dem „Davor“ und dem „Danach“? Was machen unsere Helden, wenn sie gerade nicht ihren Erzfeind besiegen; wie sieht der Tag eines Protagonisten aus, der seine große Leidenschaft noch nicht gefunden hat? In Wahrheit sinf es nämlich oft diese scheinbar unspektakulären Informationen, die uns unsere Hauptfiguren am allernächsten bringen. Was sie essen. Ob sie beim Zähneputzen auf- und abgehen. Ob sie ihre Briefmarken abschlecken, oder ob sie dafür Kleber benutzen. Welche Farbe dieses eine Armband hat, dass sie nie abnehmen.

Und manchmal sind die besten Stellen in Büchern ja die ausführlichen Beschreibungen von Momenten, die auf den ersten Blick vollkommen gewöhnlich – ja – unspektakulär wirken, die wir aber alle kennen, und die wir zu etwas Besonderem machen können, mit dem einen Mittel und der einen Waffe, mit der wir als Schreiber zwar vielleicht nicht die nächste Apokalypse verhindern können, die aber in jedem Fall nur allzu oft bewiesen hat, dass wir sie immer wieder unterschätzen: Die Sprache.

Mit unseren Worten, unseren Sätzen, unseren Texten können wir nicht nur von Mord und Totschlag erzählen, wir können auch Momente beschreiben wie:

  • eine lange, innige Umarmung. Wie fühlt sie sich an? Wie riecht das gegenüber? Wie spürt man die Kleidung? Wie spürt man die Um- und Außenwelt? Woran denkt man? Will man sich wieder loslassen? Wieso muss man sich wieder loslassen?
  • das Abbeißen von einem Stück Brot. Ist es trocken, feucht, frisch, hart, körnig, salzig, oder kaut man es vielleicht so lange, bis es einen an etwas ganz anderes erinnert?
  • Sonnenstrahlen, die plötzlich bemerkt werden. Egal ob sie durch ein Fenster hindurchlugen, Muster an die Wand malen oder die ersten Frühlingstage ankündigen. Lichtphänomene sind etwas Besonderes.
  • Busfahrten. Neben wem sitzt man? Hört man Gespräche mit? Woran wohl die Dame mit der großen roten Handtasche denkt? Läuft da irgendwo ein Radio? Oder klingt bloß das Rollen der Räder wie die Begleitung zu einem lang vergessenen Lied?
  • Der eine Moment, kurz bevor du einschläfst. Wie fühlt sich deine Matratze an, wonach riecht dein Kissen? Brennt da irgendwo noch eine kleine Lampe, damit du nachts in die Küche findest, oder scheint eine freche Laterne von draußen herein? Was siehst du, wenn du mit halb geschlossenen Augen ein letztes Mal zum Mond hinaus schaust? Bist du noch wach oder träumst du schon?

 

Auch wenn uns das Ungewöhnliche, das Ausgefallene natürlich immer reizt, brauchen wir nicht immer die schaurig schönsten Szenarien und gebirgigsten Spannungsbögen, um einen spannenden Text zu verfassen. Auch wenn Schlachtfelder, Raumschiffe und sagen-umwobene Burgen ihren Platz in unseren Köpfen zweifellos verdient haben, sorgen „normale“, „gewöhnliche“ und trotzdem immer wieder einzigartige Dinge wie Ohrwürmer, schmutzige Schuhe, der lokale Supermarkt, das Lieblingshandtuch oder ein morgendlicher Spaziergang manchmal für Geschichten, die mindestens so berührend, bewegend und, ja, auch (auf die Folter) spannend sind.

Vielleicht ist weniger nicht immer mehr, aber „wenig“ lässt sich in jedem Fall immer zu mehr machen, als es auf den wirkt.

 

-susanneschmalwieser-

 

Zu den bisherigen Schreibtipps:

Schreibtipp #1: Keine Angst vor schlechten Texten.

Schreibtipp #2: Writing about your insecurities

Schreibtipp #3: Am besten, am größten, am schönsten – der Mut zum Superlativ.

Schreibtipp #4: Warum eigentlich zum Schriftsteller? -Die wichtigste Regel der Schreiber

 

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2 Gedanken zu “Schreibtipp #5: Ist weniger mehr?

  1. Dieser Text könnte m. E. hierher als Kommentar passen ***

    Man kann

    der empfundenen EINTÖNIGKEIT des ALLTAGS
    mit dem bewussten ERKENNEN
    der eigentlichen VIELSEITIGKEIT seines LEBENS

    entkommen …
    ___
    © PachT 2012

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