Eine Frau, eine Burg

Annette von Droste-Hülshoff aus der Sicht einer 15-Jährigen

AUF DER MEERSBURG BEI IHREM SCHWAGER FREIHERR VON LASSBERG WOHNTE DEUTSCHLANDS GRÖSSTE DICHTERIN ANNETE VON DROSTE-HÜLSHOFF IN DEN JAHREN 1841/42. 1843/44 UND 1846 BIS ZU IHREM TODE AM 24.MAI 1848

So und nicht anders steht es auf der Inschrift einer kalkweißen Steintafel, angebracht auf der Mauer gleich neben dem Tor der Meersburg. Ich befinde mich, wie die Inschrift soeben klargestellt hat, in Deutschland, eine knappe Stunde von Bregenz entfernt. Von der ehemaligen Zugbrücke kann man das Glitzern des Bodensees ausmachen, die Wasseroberfläche funkelt in der Sonne wie ein Diamantenschleicher. Ein Typ in langer mittelalterliche Kleidung kontrolliert die Eintrittskarten der Touristen und Touristen sind es auch, die sich mit dem Rücken ans Geländer lehnen, den See hinter sich, Selfiesticks vorne, Gesicht auf’s Display.

Die Sonne sticht erbarmungslos herunter und so kommt mir die kühle Brise, die das alte Gemäuer ausströmt, gerade richtig.

Meine Familie wandert durch die (ehemaligen) Zimmer der Burgherren, schaut sich diverse Waffen zur Zeit der Ritter an, geht durch den verwachsenen Garten der Burg und macht, wie es sich für eine halbasiatische Familie gehört, ganz ganz viele Fotos.

Bei den Waffen und Rüstungen bleibe ich nachdenklich stehen. Nach Größe, Alter, Gewicht sortiert und geordnet stehen sie da, in Reih und Glied, nicht mehr zum Gebrauch bestimmt, sondern dem Zahn der Zeit ausgeliefert. Man geht an solch verstaubten Gegenständen derartig leicht vorbei und stellt sich selten, wenn auch nie die Frage, in welcher Hand dieses Schwert wohl lag. Oder wie es in diese Burg gelangte. Wie starb der Besitzer dieses Kettenhemds? Und wer hat dieses stolze Portrait Prinz Eugens gemalt?

Eigentlich schade, dass wir Menschen nie in der Lage sein werden, all die Erlebnisse und Empfindungen  der damaligen Zeit lebensecht und exakt nachzustellen. Das würde ein Museum interessanter und die Kassen voller machen.

 

Und dann kommen wir endlich zum Bereich der Burg, auf den ich am meisten gespannt war: die Zimmer der Annette von Droste-Hülshoff.

Bis vor dem Ausflug kannte ich den Namen der Dichterin bloß vom Hören, also habe ich davor noch einen kurzen Blick ins liebe Internet geworfen.DSC03363

Das erste Zimmer ist das Sterbezimmer der Dichterin. Mit einer hellblau-türkis-Blümchen-Tapete strahlt es die Besucher im gemütlichen Biedermeierstil an und an der Wand hängen viele in Goldrahmen umfasste Bilder. Man kann sich kaum vorstellen, dass Annette hier für immer zur Ruhe gegangen ist, nur das Bett in der Ecke des Zimmers erinnert vage daran.

Der zweite Raum wird als Gedächtniszimmer bezeichnet und ist ein wenig kleiner als das erste Zimmer. Wieder fallen mir einige Bilder auf und diesmal wird nicht nur Annette dargestellt, sondern auch andere Personen wie die Gebrüder Grimm, mit denen sie regelmäßig Briefe schrieb.

Und diese originalen Briefe kann man im dritten „Schreibezimmer“ betrachten. Rot gestrichen und ziemlich rund, da sich dieser  in einem Turm befindet. Ich widerstehe der Versuchung, mich auf den Stuhl der Dichterin zu setzen. Sicher ist dieser Ort der perfekte Ort für Inspiration.

Stattdessen starre ich durch das milchige Glas des Fensters. „Sie muss eine herrliche Aussicht gehabt haben“, stelle ich fest, als ich mich aus dem Fenster lehne und den Bodensee hinter den Bäumen erkenne.

Annette scheint eine sehr besondere Beziehung zum  Bodensee gehabt zu haben, das kann man besonders gut in ihrem Gedicht „Am Bodensee“ erkennen.

Über Gelände, matt gedehnt,
Hat Nebelhauch sich wimmelnd gelegt,
Müde, müde die Luft am Strande stöhnt
Wie ein Ross, das den schlafenden Reiter trägt;
Im Fischerhause kein Lämpchen brennt,
Im öden Turme kein Heimchen schrillt,
Nur langsam rollend der Pulsschlag schwillt
In dem zitternden Element.

Ich hör es wühlen am feuchten Strand,
Mir unterm Fuße es wühlen fort,

DSC03381.JPG
Ausblick aus dem Schreibezimmer der Droste

Die Kiesel knistern, es rauscht der Sand,
Und Stein an Stein entbröckelt dem Bord.
An meiner Sohle zerfährt der Schaum,
Eine Stimme klaget im hohlen Grund,
Gedämpft, mit halbgeschlossenem Mund,
Wie des grollenden Wetters Traum.

Ich beuge mich lauschend am Turme her,
Sprühregenflitter fährt in die Höh’,
Ha, meine Locke ist feucht und schwer! –
Was treibst du denn, unruhiger See?
Kann dir der heilige Schlaf nicht nahn?
Doch nein, du schläfst, ich seh’ es genau,
Dein Auge decket die Wimper grau,
Am Ufer schlummert der Kahn.

Hast du so vieles, so vieles erlebt,
Dass dir im Traum es kehren muss,
Dass dein gleißender Nerv erbebt,
Naht ihm am Strand eines Menschen Fuß? –
Dahin, dahin, die einst so gesund,
So reich und mächtig, so arm und klein,
Und nur ihr flüchtiger Spiegelschein
Liegt zerflossen auf deinem Grund!

Der Ritter, so aus der Burg hervor
Vom Hange trabte in aller Früh
– Jetzt nickt die Esche vom grauen Tor,
Am Zwinger zeichnet die Mylady. –
Das arme Mütterlein, das gebleicht
Sein Leichenhemde den Strand entlang;
Der Kranke, der seinen letzten Gang
An deinem Borde gekeucht;

Das spielende Kind, das neckend hier
Sein Schneckenhäuschen geschleudert hat;
Die glühende Braut, die lächelnd dir
Von der Ringelblume gab Blatt um Blatt;
Der Sänger, der mit trunkenem Aug’
Das Metrum geplätschert in deiner Flut,
Der Pilger, so am Gesteine geruht:
Sie alle dahin wie Rauch!

Bist du so fromm, alte Wasserfey,
Hältst nur umschlungen, lässt nimmer los?
Hat sich aus dem Gebirge die Treu
Geflüchtet in deinen heiligen Schoß?
O, schau mich an! Ich zergeh’ wie Schaum;
Wenn aus dem Grabe die Distel quillt,
Dann zuckt mein längst zerfallnes Bild
Wohl einmal durch deinen Traum!

und ich liebe es.

Berni

 

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