Das Kinder/Kunst-Dilemma – Wem Bilder wirklich „blunz’n“ sind.

War letztens mit Freunden im Museum. Einer der Vorzüge, im wunderschönen Wien zu wohnen, ist nämlich, dass dort allen Unter-18-Jährigen freier Eintritt in sämtliche Ausstellungen und Sammlungen garantiert ist. Damit man sich auch als Nicht-Verdiener und Zwanzig-Euro-Taschengeld-Bezieher das Kulturerlebnis leisten kann.Oder: Weil „die Jugend heute ja eh nicht mehr ins Museum geht“. Weil „Kindern die Kunst in Wirklichkeit ja blunz’n ist“ (blunz’n = wienerisch: egal).

So standen wir also da, eine Gruppe von fünf Jugendlichen, hatten bereits zwei Stunden zwischen Schiele, Monet und einer Unmenge asiatischer, ständig das Foto-Verbot zu umgehen versuchender Touristen verbracht, als wir Gustav Klimts Kuss erreichten, ein goldlastiges Jugenstilwerk, mit Sicherheit das bekannteste des Malers. Wir stellten uns seitlich schräg neben das Gemälde; sämtliche Reisetruppen und Kunstfanatiker unter Einem-Meter-Siebzig sollten schließlich auch noch eine Chance haben, den glänzenden, blumigen Traum zu betrachten.  Bald begannen,  wir – im Flüster-Modus, natürlich – das Bild zu interpretieren. Was denn der goldene Schleier symbolisiere, ob das Bild denn wirklich bloß eine Allegorie der Liebe sei oder vielleicht mehr, ob es beispielgebend für Klimts Vorstellung von Frauen sei, was dafür spreche dass der Mann eine gottgleiche Stellung im Leben seiner Begleiterin inne habe, wofür die verschiedenen Blumen stünden, und so weiter.

Zu spät bemerkten wir die in Blazer und Bleistiftrock gekleidete Aufsicht, die uns immer misstrauischer und misstrauischer beäugte. „Ihr tuschelt da ja sicher über unglaublich interessante Dinge“, sagte sie irgendwann mit einem Seufzen, „aber macht jetzt bitte Platz für die Leute, die sich wirklich für die Kunst interessieren.“ Schlag. Niederlage. Ernüchtert verlassen wir Raum und Museum. Fragen uns, was wir falsch gemacht haben. Ob es an uns liegt, oder an unseren Interessen. Ob es hier wieder darum geht, dass alle Jugendlichen – egal ob Musterschüler oder Problefälle – ja um Gottes Willen gleich zu sein haben und deshalb Museen nur in lauten und genervten Klassenverbänden betreten sollen.

Ja, ich habe lange darüber nachgedacht, worum es eigentlich „ging“. Und ich warne hiermit vor: Das Ergebnis ist ernüchternd.

Kunst und Spaß haben nichts miteinander zu tun. Kultur und Unterhaltung noch weniger.

Es tut mir leid, wenn ich die wunderschöne romantische Luftblasen-Vorstellung all derer zerplatzt habe, die Konzerte, Ausstellungen oder Lesungen besuchen, weil es ihnen dort gefällt. Sie machen es vollkommen falsch.

In unserer heutigen Gesellschaft ist Kultur zum Alte-Leute-Ding geworden. Zum Ernste-Alte-Leute-Ding. Und ich will nicht sagen, dass weniger von ihnen in die Oper gehen sollten – was ich mich aber immer wieder frage, ist: Wo bleibt der Rest?  Immer wieder wird uns Jugendlichen vorgeworden, mit  Kunst „ja eh nichts am Hut zu haben“. Berechtigterweise. Wenn ich in die Oper gehe, sehe ich mit ein paar gefärbten Ausnahmen nur weiße Köpfe.

Meiner Meinung nach liegt das Problem aber ausnahmsweise nicht bei uns Heranwachsenden, nein, was nicht stimmt, ist die Art, wie man uns Goldstein, Goethe und Gould heutzutage vermittelt. Nämlich als trockene, langweilige Materie. Als etwas, womit wir uns „eh nicht auskennen“.

Wieso das so auf uns wirkt? Weil so viel Kopf-Verständnis vorrausgesetzt wird. Weil man die Zauberflöte ja weder hören noch sehen kann, ohne Sekundärwerke über eventuelle Freimaurer-Verschwörungstheorien nachgeworfen zu bekommen. Weil man nichts „Klassisches“ lesen kann, ohne zu analysieren, zu interpretieren, sich zu fragen, was denn der Autor wirklich damit gemeint haben könnte. Weil „Kultur“ in der Schule meistens leider nicht „Kultur erleben“ bedeutet, sondern „Kultur zerplücken“, auseinander nehmen, Beethovens Sechste in ihre einzelnen Phrasen, Akkorde, Töne zu zerlegen und am Ende auf den Trümmerhaufen zu blicken, der einmal ein Musikstück war und dann aus weiter Ferne vom Lehrertisch zu hören: „Ist das nicht fein Kinder, heute haben wir Kultur gemacht.“

Dabei liegt es nicht einmal immer an den Lehrern. Ich persönlich habe tolle Lehrer, solche, die ihr Bestes geben, um sich gegen dieses System zu wehren, aber den Lehrplan können sie nicht ändern, genauso wenig wie Augen, Ohren und Seele der Öffentlichkeit. Und die Öffentlichkeit verlangt Wissenschaft, Herleitungen, Definitionen, Beweise; jeder muss es wissen, was gefällt dir an diesem Komponisten, wie genau fühlt es sich an, dieses Bild anzuschauen. Sicher nette Spielerein für Kunst-Kenner und Theoretiker aller Art. Aber junge Menschen? Leute die ihre ersten Erfahrungen im Museum sammeln sollen? Sind diese Fragen das Richtige für sie?

Seit Langem schon wird zwischen zwei „Kulturformen“ unterschieden: der „ernsten“, und der „unterhaltenden“. Meine folgende Frage beginnt nicht mit „wie“, oder „was“. Meine Frage lautet: Wieso?

Wieso soll Beethoven nicht unterhalten, wieso kann man AC/DCs-Texten nicht eine ernste Botschaft entnehmen? Wieso muss man Wittgenstein mit dem Kopf, und wieso darf man scheinbar nur Schundromane mit dem Herzen lesen? Wieso fällt denn niemandem auf, dass es genau diese Spaltung ist, die klassische Musik und Literatur für so viele unserer Altersgenossen so unattraktiv macht. Denn wer sieht sich denn wirklich, neben all dem schulischen Druck, wachsenden Differenzen im Elternhaus und der allgemeinen Verwirrung des Erwachsenwerdens, dazu im Stande, noch etwas zu tun, zu erleben, zu hören, zu sehen oder zu lesen, das scheinbar so hohe Konzentration, eine gigantische intellektuelle Leistung erfordert? Wer will den nicht lieber unterhalten, entspannt, berührt werden?

Wieso brauchen wir immer mehr Unterteilungen, einen Unterschied zwischen „simpel“ und „anspruchsvoll“, zwischen „gut“ und „schlecht“. Dieses Schwarz/Weiß-denken spaltet uns nicht nur politisch gesehen in gefährlich extreme Lager, sondern auch auf der Ebene der einen Sache, die uns Menschen seit jeher vereint, verbindet, uns Kraft und Hoffnung gibt?

Wieso wundert man sich, dass wir Kinder scheinbar nichts mehr von Kunst wissen wollen, wenn man sie uns als so anspruchsvoll verkauft? Wenn man uns beibringt, sie mit dem Kopf anstatt mit unserer ganzen Seele zu erfassen und wenn man uns, davon ausgehend, dass wir mit Bildern ja ohnehin nichts am berühmten Hut haben, für Unruhestifter hält, sobald wir länger als ein paar Sekunden vor einem Bild stehen; nicht die Farbe analysieren, es nicht geschichtlich einordnen, aber dafür das zulassen, was man nur durch Übung und Offenheit lernen kann: eine Kommunikation, eine Bewegung, das Enstehen einer Stimmung und ja, schlussendlich das Verständnis eines Kunstwerks. Natürlich gehört da freies Interpretieren dazu. Was aber auch dazu gehört ist, den Kopf zu vergessen, sich fallen zu lassen, die Theorie zu ignorieren und eines zu akzeptieren:

Kunst ist keine Wissenschaft. Kunst ist nicht eine Summe von Tabellen und Analysen.

Kunst ist ein Gefühl.

Ein Gefühl das jeder erleben soll und das unsere Gesellschaft seit ihrem Urbeginn am Leben erhält.

Es ist Zeit, den Schulbuchautoren und Pädagogen, denen es nur auf die Fakten ankommt, im Bereich unserer kulturellen Erziehung weniger Macht zuzusprechen. Weil es nicht ihre Kultur ist. Weil ihnen Bilder, Bücher und Konzerte oft um eine große Spur egaler sind, als sie zugeben. Und weil es unsere Kultur ist, unser Kunstverständnis; weil unsere Generation die Wahl hat, ob wir uns wieder spalten wollen, in „oben“ und „unten“, in „intellektuell“ und „eben nicht“; oder ob wir nicht lieber gemeinsam einer Zukunft entgegenfiebern, in der Kunst für jeden geeignet ist, egal ob jung oder alt, ob Universitätsprofessor oder Supermarktverkäufer. Einer Welt, in der es nicht als „komisch“ oder „geschmacklos“ gilt, Schubert hörend die Hunger Games, oder Rihanna summend Rilke zu lesen, und in der Science-Fiction so wie Schiller-Fans als „literarisch gebildet“ gelten, was sie ja auch sind, eben nur in anderen Bereichen.

Es ist Zeit für uns alle  Kultur und Unterhaltung wieder zu Synonymen werden zu lassen, Kunst weniger zu denken und wieder mehr zu fühlen.

Dann müssen wir uns ja vielleicht eines Tages nicht mehr über Minderjährige im Museum wundern.

Bilder im Linzer „Höhenrausch“ – nichts für kleine Kinder?




-susanneschmalwieser-

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2 Gedanken zu “Das Kinder/Kunst-Dilemma – Wem Bilder wirklich „blunz’n“ sind.

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