Theaterkater – Der Morgen danach: Becketts Endspiel

Wache auf. Neun Uhr dreißig. Für meine Verhältnisse spät. Stöhne, tappse im verkehrt herum angezogenen Pyjama durch die Küche, auf der Suche nach dem Wasserhahn. Dabei war ich gestern doch vorbildlich, habe nicht zu tief in die Flasche, nein, sondern nur zu lange auf die Bühne geblickt; leide heute nun an dem, was ich einen Theaterkater nenne. Statt Alkohol-bedingtem Kopfschmerz schmerzen mir die Finger vom Interpretationen-Googeln; statt mir übergibt sich mein Hirn – nicht, weil ich versuche, auszurechnen, beim wievielten Glas ich gestern eigentlich hätte aufhören sollen, sondern weil es nicht aufhört, zu denken, zu reden, schreiben zu wollen über das Stück, dass mir gestern vorgespielt wurde: Samuel Becketts Endspiel.

Werde nun also, über einer Tasse warmem Tee dem berühmten „Salzburger Schnürlregen“ lauschend, etwas über diese Aufführung erzählen, denn gegen einen wahren Theaterkater hilft nur Eines: Schreiben.

Der folgende Text ist in zwei Teile geteilt. Beckett-bewusste Endspiel-Enthusiasten, die es eilig haben, mögen den ersten Teil überspringen. Wer eine Einführung, Auffrischung oder Aufwärmung vor dem Hauptteil braucht, für den geht es hier gleich los mit dem

Endspiel für Anfänger

Tatort:Salzburger Festspiele 2016; Landestheater, Salzburg, Österreich.

Auftraggeber: Samuel Beckett; irischer Nobelpreisträger mit einem Faible für Franzosen. 1906-1989.

Täter:

Nicholas Ofczarek, Hamm
Michael Maertens, Clov
Joachim Bißmeier, Nagg
Barbara Petritsch, Nell

Dieter Dorn, Regie

Zum Hergang der Tat: Wunderbar und vor allem lebendig inszeniert, Ofczarek, den jedermann spätestens seit gleichnamigen Stückkennen und schätzen gelehrt hat, spielt, wie schon so oft, eine grobe Rolle mit Feingefühl und schafft es, ausschließlich durch Mimik einzuschüchtern und zu bewegen.

 

Zum Inhalt:

Hamm, Clov, Nagg und Nell sind scheinbar die letzten existenten Menschen. Sie alle befinden sich in einem düsteren Raum mit lediglich zwei kleinen Fenstern.

Hamm: sitzt im Rollstuhl, ist blind. Hat die Rolle eines Tyrannen, verachtet alle anderen im Raum und weiß als einziger, wie der Schrank mit den verbleibenden Lebensmitteln aufgeht.

Nagg und Nell: Hamms Eltern. Haben bei einem Tandemunfall ihre Beine verloren, vegetieren in Mülltonnen vor sich hin. Sein Vater, Nagg, erinnert ihn immer wieder daran, wie ängstlich und abhängig von ihm Hamm einmal war.

Clov: Hamms Diener. Hinkt, kann sich aufgrund eines Beinleidens nicht setzen. Führt Hamms Befehle aus. Hasst Hamm und will ihn verlassen. Das wäre allerdings das Todesurteil für alle Beteiligten, weil die Hamm, Nell und Nagg vollkommen immobil und aus diesem Grund von Clov abhängig sind und Clov auf Hamms Lebensmittelvorrat angewiesen ist.

Am Ende des Stücks fügen sie sich ihrem Schicksal, Hamm entlässt Clov. Während Hamm daraufhin in seinem letzten Monolog in Selbstmitleid zerfließt, wartet Clov neben ihm und geht (noch) nicht fort.

 

Keine Eile. Ruhig wirken lassen. Dann weiterlesen, nämlich:

 

Endspiel für Fortgeschrittene

Sam Beckett ist Meister des Minimalismus. Es gelingt sogar mir, als Viel-Und-Ausführlich-Schreiberin, den Inhalt seines Stückes in hundertsiebzig Wörtern zu beschreiben – es wirkt kurz, fast handlungsleer. Fast Leer ist auch das Bühnenbild, denn Beckett wollte schon immer die Sprache im Theater für sich selbst stehen lassen, er war gegen eine „Vermischung der Künste“.

Aber was sagt uns denn nun diese Sprache, was können wir aus dem Stück lernen, was ist denn der Grund, dass die Organisatoren der Salzburger Festspiele es genau im Jahr 2016 aufführen lassen?

Das bringt uns auch schon zum letzten Punkt dieses Beitrags, nämlich

Meine Interpretation

Ich sehe Samuel Becketts Endspiel als Beispiel für die fixe Rollenverteilung in unserer Gesellschaft.

Aber schön langsam.

Wir haben:

Hamm, einen Herrscher

Clov, einen Diener

Nagg und Nell, zwei immer überstimmte Unmündige, die pausenlos auf die Gunst des Tyrannen hoffen.

Würde Clov Hamm verlassen, stirbt Hamm, der Tyrann, ohne Diener, ohne Laufburschen und Befehlsausführer keine Macht, und kein Volk, so wie es in der vorläufigen Situation existiert. Allerdings erginge es auch Clov schlecht – wenn er nicht der Botschafter der´s Herrschers ist, verliert er gesellschaftlich an Respekt.

Aber wieso das postapokalyptische Szenario? Diese Szene steht für eine gewisse These. Die These und die Annahme, dass die Menschheit sich immer, zu jeder Zeit und in jeder Situation, in diese Rollen drängen wird, koste es, was es wolle. Obwohl die vier Figuren die letzten Menschen auf der Welt sind, verletzt und hoffnungslos, bildet sich, wie bisher immer in der Geschichte, eine befehlende, eine ausführende und eine unterdrückte Schicht. Dieses System ist, zumindest im Stück, zum Sterben verdammt.

Bedenkt man die Ähnlichkeit zwischen Hamm und Ham, dem Sohn Noahs (=der Kerl den Gott angewiesen hat die Tiere zu retten während die restliche Menschheit in einer Flut ertrunken ist) stellt sich die Frage: Behauptet das Stück, die Menschheit sei zum Untergang bestimmt, den wenn Ham(m) stirbt, Noahs Nachkomme, symbolisch für sämtliche Nachkommen, natürlich, wer bleibt noch um sich fortzuplanzen? Oder kritisiert es nur das System, in dem wir leben und dahinleben, an das wir uns über die Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, gewöhnt haben?

Ist eine Herrscher-Diener-Untertan-Welt überlebensfähig?

Sollten wir uns nicht auch heute fragen, ob wir nicht wieder, und sei es nur unbewusst, als Länder, als Nationen, als Zusammenschlüsse von Menschen, die für die Demokratie, für die Gleichberechtigung und für internationale Zusammenarbeit gekämpft haben, uns nicht wieder selbst in eine Rolle drängen, die uns, wie schon so oft in der Geschichte, eines Tages leid tun wird.

Wir verlangen schon wieder nach starken Herrschern.

Melden uns wieder freiwillig als Dienstboten, als Untertanen, schließen andere aus und verachten sie, weil wir an dieses System glauben, weil es in uns verankert ist.

Wollen wir das wirklich?

Oder sind wir besser als Hamm, Clov, Nell und Nagg?

Wollen wir nicht lieber für eine neue Zukunft kämpfen?

-susanneschmalwieser-

 

 

 

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