Entschuldigung, wie komme ich zum Bücherfriedhof?

– eine kafkaeske Reiseerfahrung

Prag. 23. Juli. Bei sommerlichen 28 Grad Celsius strömen Touristen durch die Straßen, schauen sich an, was sehenswürdig ist, verstopfen, was man nicht verstopfen sollte. Mit Rucksäcken, Regenschirmen, Reiseführern drängen sie sich durch die Masse, die sie selber bilden. Ein Teil dieser Masse bin auch ich, die, genauso wie gefühlte einundertsiebunddreißigtausendundzwölf (wunderbare Zahl, nicht?) andere Weltbewohner auf die Idee gekommen ist, an einem Juliwochenende die Stadt der hundert Türme zu besichtigen. 

Auf den Spuren Kafkas, der, woran mich das smarte Phone in meiner Tasche gerne erinnert, hier im Jahre 1883 als Sohn eines jüdischen Elternpaars geboren wurde. Auf den Spuren Kafkas, weil er als einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts, als Gott der Kurzgeschichte und Prophezeier des kommunistischen Regimes gilt. Auf den Spuren Kafkas, weil ich den Typen verdammt gerne hab. 
Nun gibt es tote Künstler, die werden vermarktet. Mozart(kugel). Klimt(druck). Van Gogh(-Postkarte). The Beatles(-T-Shirt). Aber es gibt freilich auch genauso viele Künstler, mit deren Gesicht noch nie ein Jutebeutel gedruckt, eine Sonnenbrille verkauft oder eine Handyhülle designed wurde (was in manchen Fällen schrecklich weh tut) und eigentlich hätte ich Franz Kafka, bei aller Liebe und Schreiber-Loyalität, bisher eher zu letzteren gezählt. Deshalb überraschte es mich nicht, als ich mit gebrochenem Russisch in der Touristen-Information nach Geburtsort, oder Museen fragte und der mich betreuende Tscheche das Wort „Kafka“ immer wieder wiederholte, auf ihm herumkaute, als hätte er es vielleicht einmal in der Schule gehört und danach, gemeinsam mit Integralrechnungen und dem Satz von Pythagoras, ganz schnell in die „brauchen-wir-eh-nie-wieder“-Schublade gesperrt und den Schlüssel in die Moldau geworfen. Finde bald heraus, dass das Geburtshaus des doch so großen Autoren in ein Kaffeehaus umgewandelt wurde, das trotz seinem Namen, „Café Kafka“, weder Käferkuchen noch Schlossschnitten anbietet. Ich bezahle acht Euro für einen schwachen türkischen Kaffee und ein Glas Wasser, mache mich dann wieder auf den Weg.
Kämpfe mich selbstständig durch das jüdische Viertel zum Altstädter Ring, das Herz Prags, und genieße die Innenstadtstimmung, geprägt von Bier-affinen Männern in ihren späten Zwanzigern, auf Junggesellenabschied. 

Irgendwann kommt der Durst. 

Betrete einen Souvenirshop in der Hoffnung auf Wasser. Werde schon am Eingang überwältigt. Überwältigt von keinem anderen, als Franz Kafka. 

Habe den Eindruck, dass alles, was der übrigen Stadt hier an Kafkaismus fehlt, in diesem Laden gesammelt ist. Hier verlauft man Kafka-alles. 

T-Shirts, Taschen, Tennisbälle. Magneten, Malbücher, Matrioschkas. Von Büchern oder Brillenetuis ganz zu schweigen. Mein Liebling: Kafka-Miniatur-Streichhölzer zum Auf -Den-Kühlschrank-Kleben. (An dieser Stelle verzichte ich auf die rhetorische Frage danach, wer so etwas denn eigentlich braucht.)

Zwischen einem Kafka-Schirmständer und einer Kafka-Hundeleine bezahle ich eine Flasche Evian-Wasser und erkundige mich – in einem so kafka-lastigen Laden müsste man es doch wissen – nach dem Standort des neuen jüdischen Friedhofs, auf dem der Autor, gemeinsam mit seinen Eltern begraben liegt. „New Jewish cemetery“ sage ich langsam in meinem besten Oxford Accent. „New… Jewish… cemetery…“, schüttelt der verdutzte Verkäufer den Kopf, „is this hotel?“
Habe mir dann aus Frust ein T-Shirt und einen Jutebeutel gekauft, mich auf eine Brücke über der Moldau gesetzt und demonstrativ Glattauer gelesen, der nicht einmal von meiner Autokorrektur erkannt wird, und war etwas verärgert, als mir mehrmals Geld und vereinzelt auch ein halbes Sandwich angeboten wurden, genauso wie ein Foto mit einer Reisegruppe und UNICEF-Schild. 
Dann, als die Sonne irgendwann begann, hinter den Zinnen und Türmen der Prager Burg zu verschwinden, stellte ich mir die eine, wahre, existentielle Frage:

Werde ich so enden wie Kafka?

Wird die ganze Welt mich feien, aber in meiner Geburtsstadt niemand meinen Namen kennen?
Aber was am allerwichtigsten ist:

Was sagt es denn über uns, die wir von Stadt zu Stadt laufen, Land um Land bereisen, um den „Hab-Ich-Gesehen“-Stempel und vielleicht sogar ein goldenes Sternchen kriegen, unsere Erfahrungen um Gottes Willen ja durch Souvenirs und Andenken sichtbar machen wollen?

Übersehen wir nicht vielleicht den eigentlichen Kern, den eigentlichen Sinn, wenn wir Shopping über Sightseeing stellen und beim Sightseeing den Fotoapparat nicht weglegen können, damit auch ja die ganze Welt erfahren kann, was wir nicht alles erleben?
Geht es uns mit unserem Verständnis von Literatur nicht ähnlich? Wir posten nicht „Lese gerade „Die Verwandlung““, aber wir halten uns dabei für klug, für gebildet, man erzählt es anderen und bekommt dann, vom Deutsch- oder Geschichtsprofessor auch ein mentales goldenes Sternchen. Wir begraben alles, was nicht Rang und Namen hat im gedachten Bücherfriedhof und für so viele scheint Lesen, sowie Reisen, nur mehr sinnvoll, wenn man nachher auch davon erzählt. Mit Schiller-Shirt, Brecht-Beutel und Wittgenstein-Waschset wirken wir dann gleich ein Stückchen mehr gebildet, eine Spur mehr „von Welt“, ohne uns die Frage zu stellen, die am Ende wirklich zählt:

Lesen wir Kafka, um ihn gelesen zu haben, oder lesen wir, weil wir es lieben?


-susanneschmalwieser-

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2 Gedanken zu “Entschuldigung, wie komme ich zum Bücherfriedhof?

    1. Hallo Antonia,
      danke für deinen Kommentar!
      ja, im Kafkamuseum war ich, das ist wirklich toll.
      Finde es immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich Städte doch sein können, auch wenn sie weniger als drei Zug-Stunden auseinander liegen.

      Liebe Grüße,
      Susanne
      (die gerade mit jemandem auf YouTube diskutiert hat, ob Der Prozess ein „schlechtes“ Buch ist)

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