Schreibtipp #1: Keine Angst vor schlechten Texten.

Wir kennen es doch alle: Leere Seiten, offene und bald wieder geschlossene Word-Dokumente. Druck, etwas zu schreiben, aber kein Anfang, kein Ende, keine Idee, dafür das Wissen, dass dringend eine her muss, eine brilliante sogar, man will ja schließlich nichts Gutes, nein, man möchte etwas Ausgezeichnetes schreiben. Kugelschreiber werden auf und wieder zu geschraubt, Finger trommeln auf der Tischkante im Rhythmus des Liedes vor dem wir uns alle fürchten: „Schreibblockade, Schreibblockade.“

Witzig aber wahr, so sehr wir solche Hirnhemmungen auch hassen – meistens reden wir sie uns selber ein. Am allerliebsten natürlich, wenn der Abgabetermin für die Seminararbeit oder der Einreichschluss für die Bewerbung näher und näher rückt. Weil wir Angst haben, nicht gut genug zu sein. Wenn wir Angst haben, zu versagen. Denn in einer Welt, in der wir alles mit Punkten und Prozenten messen, uns tagtäglich selber übertreffen wollen und niemandem ein „Hat diesmal eben nicht funktioniert“ erlauben, Plan B um jeden Preis vermeiden wollen, setzt unser Kopf „Misserfolge“ mit „Gefahr“ gleich – und was machen wir Menschen denn mit Gefahren am allerliebsten? Richtig. Wir vermeiden sie. 

Was wir also ändern müssen, im Falle einer Schreibhemmung, ist keinesfalls unsere Idee, unser Stil, unser Charakter oder unsere Augenfarbe (habe die verrücktesten Artikel zu dem Thema gelesen). Nein, es unsere Einstellung, die Art, mit der wir, als Schreiber, unserer größten Furcht gegenübertreten, die in Wahrheit nicht „Blockade“, sondern „Versagen“ heißt. 

Der beste „Schreibtipp“, den ich je bekommen habe, stammte von der Poetry-Slammerin Adina Wilcke, die regelmäßig Workshops für Sprach-Verliebte und Enthusiasten jeder Art (und jeden Alters!) anbietet. Auf die Frage, was sie im Falle einer Hemmung tue, sagte sie, sie versuche oft und gerne, ihren schlechtesten Text zu verfasden. Nicht lustig-schlecht, nicht auf eine künstlerische Weise – nein, einfach richtig, aktiv grauenhaft. Mit Wortwiederholungen, hinkender Grammatik und allem, was dazu gehört. So verliere man die Angst, meinte sie, und überhaupt komme man in Fahrt, in einen Schreibfluss. 

Umgekehrt wage ich nun auch zu behaupten, dass es genauso sinnvoll ist, die Hemmung vorm Lesen scheinbar „schlechter“ Texte abzulegen. Natürlich, wir werden von klein auf oft und gerne für die Lektüre von Literatur gelobt, je früher, je mehr, desto besser, sodass uns irgendwann, wenn man im Unterricht Goethe und Schiller zitiert, der Kontrast fehlt. Und das Wissen um die vielen, vielen Autoren, die nicht Paten der Prosa oder Väter des Theaters sind, und trotzdem weitergemacht haben, weitergeschrieben haben, manche erfolgreich, viele auch nicht, in jedem Fall warn auch sie, wie wir, verliebt in die Sprache und begeistert davon, eine Geschichte zu erzählen. Natürlich werden wir irgendwann aufgeben, wenn wir pausenlos versuchen, Rilke nachzueifern. Da sind Max Mustermanns im Eigenverlag veröffentlichte Bauerngedichte um Einiges weniger einschüchternd. (An dieser Stelle möchte ich festhalten, dass es nicht meine Absicht ist, beleidigende oder unwahre Behauptungen aufzustellen. Max Mustermann kann natürlich ein toller Autor und Licht am Ende des Lyriktunnels sein. Ich weiß es nicht. Ich lese selten Bauerngedichte. Nichts für ungut.)

Witzig aber wahr: Aus scheinbar schlechten Texten lässt sich eine ganze Menge mitnehmen. Ganz egal, ob sie von uns selbst, oder von anderen verfasst wurden. Sie geben uns Selbstbewusstsein, bringen uns in einen Schreibfluss, und zeigen uns in jedem Fall, was wir beim nächsten Text, in der nächsten Geschichte besser machen können. Um einen alten Familienfreund zu zitieren: „Jeder ist zu etwas gut, und seines nur als abschreckendes Beispiel.“

Also, nur zu. Rausgehen, Stift nehmen, sich selber trauen, ein Gedicht aus Fehlern bauen. In einer Welt, in der wir alles mit Punkten und Prozenten messen, uns tagtäglich selber übertreffen wollen und niemandem ein „Hat diesmal eben nicht funktioniert“ erlauben, Plan B um jeden Preis vermeiden wollen, ist es für unsere Köpfe doch so wichtig, einmal gegen den Wunsch nach Brillianz rebellieren zu dürfen. Nur wenn wir ihnen diese Freiheit geben, werden sie es nicht gegen uns tun und auf uns hören, wenn wir ihnen und uns selber sagen: „Bloß keine Angst vor schlechten Texten. Du schaffst das.“

-susanneschmalwieser-

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